Mimì, Rodolfo und die unerreichbaren allerersten Küsse des Frühlings

Was für ein wunderbarer Abend! Wenn sich in der Staatsoperette der Vorhang zu Giacomo Puccinis „La Bohème” hebt, vergisst man den Alltag sofort. Neben der packenden Leistung von Orchester und Ensemble hat mich vor allem das Bühnenbild tief beeindruckt. Es ist jedes Mal eine große Kunst, was das Team dort „zusammenbaut“. Einziger kleiner Wermutstropfen: Es wäre hilfreich, wenn bei den Übertiteln durch Namen oder Farben klarer erkennbar wäre, wer gerade singt. Das würde das Eintauchen in die Geschichte noch erleichtern.

Die Kunst der Inszenierung: Orchester, Stimmen und Bühnenbild.

Die Leistung des Orchesters war schlichtweg brillant. Puccinis Musik ist sehr emotional, beinahe manipulativ im besten Sinne: Sie drückt im richtigen Moment auf die Tränendrüsen oder lässt das Herz vor Freude hüpfen. Das Orchester unter der Leitung von Michael Ellis Ingram hat diese Nuancen wunderbar herausgearbeitet. Man hatte nie das Gefühl, dass die Musik die Stimmen zudeckt; es war ein echtes Miteinander.

Und die Sänger? Absolut stimmig besetzt. Man nimmt ihnen diese jugendliche Leidenschaft und den Hunger auf das Leben und die Kunst in jeder Sekunde ab.

Aber wie schon erwähnt: Das Bühnenbild ist der heimliche Star. Es ist nicht einfach nur eine Kulisse, sondern ein Raum, der atmet. In dieser Inszenierung gelingt es dem Team, die Enge und Kälte der Mansarde spürbar zu machen, ohne dass es mickrig wirkt. Es ist diese Liebe zum Detail, diese handwerkliche Perfektion im Kulissenbau, die die Staatsoperette für mich immer wieder zu etwas Besonderem machen. Man merkt, dass dort Menschen arbeiten, die ihr Fach nicht nur beherrschen, sondern es mit Leidenschaft ausfüllen.

Ein kleiner technischer Wunsch: Die Übertitel.

Ein Punkt, den ich als konstruktives Feedback verbuchen möchte, betrifft die Übertitel. Gerade bei einer Oper wie „La Bohème”, in der es oft turbulente Szenen mit vielen Charakteren gleichzeitig gibt – man denke nur an das Café Momus –, ist es manchmal gar nicht so leicht zu folgen, wer gerade welchen Satz singt.

Hier wäre mein Wunsch für die Zukunft: Könnte man das nicht erkennbarer machen? Vielleicht durch das Voranstellen der Namen oder durch verschiedene Farben für die Hauptcharaktere? Das würde den Fokus wieder mehr auf das Geschehen auf der Bühne lenken, statt dass man rätseln muss, wer da gerade seine Seele ausschüttet – gerade, wenn man nicht jedes Wort perfekt im Kopf hat.

Worum geht es eigentlich? Der Inhalt von „La Bohème”.

Für alle, die die Geschichte nicht mehr ganz präsent haben: Wir befinden uns im Paris des 19. Jahrhunderts. Es ist Weihnachten und eiskalt. Wir lernen eine Gruppe junger Künstler, die „Bohemiens“, kennen. Sie haben kein Geld, aber große Träume. Zu ihnen gehören der Dichter Rodolfo, der Maler Marcello, der Philosoph Colline und der Musiker Schaunard. Um den Ofen für ein paar Minuten warmzuhalten, verbrennen sie ihre eigenen Manuskripte.

Inmitten dieser Tristesse klopft es an der Tür. Es ist Mimì, eine Nachbarin, deren Kerze ausgegangen ist. Rodolfo und Mimì verlieben sich unsterblich ineinander. Doch ihr Glück ist flüchtig. Mimì ist schwer krank, sie hat Tuberkulose. Die Armut, die Kälte und das harte Leben fordern ihren Tribut. Nach einer Trennung und vielen Missverständnissen kehrt Mimì schließlich, vom Tod gezeichnet, zu Rodolfo zurück, um in seinen Armen zu sterben. „La Bohème” ist eine Geschichte über die Zerbrechlichkeit der Jugend und die Grausamkeit der Realität.

Deep Dive: Wenn Eifersucht zur Krankheit wird.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Gedanken weiterdenken, der mich nach der Vorstellung nicht losgelassen hat. In „La Bohème“ sprechen wir oft über Mimìs Krankheit, ihre körperliche Schwäche und ihr Sterben. Aber Puccini und seine Librettisten thematisieren noch eine ganz andere Art von „Krankheit”.

Betrachtet die Beziehung zwischen Rodolfo und Mimì oder auch zwischen Marcello und Musetta. Da ist eine unglaubliche Destruktivität im Spiel, die durch Eifersucht genährt wird. An einer Stelle gibt Rodolfo zu, dass er Mimì verlassen will, nicht, weil er sie nicht liebt, sondern weil er seine eigene Eifersucht nicht erträgt und gleichzeitig weiß, dass er ihr kein gesundes Leben bieten kann.

Ist Eifersucht nicht auch eine Form von Krankheit? Ein Gift, das sich in eine Beziehung schleicht und die Liebe von innen heraus zerfrisst? In der Oper sehen wir, wie diese emotionale Instabilität eine genauso große Gefahr darstellt wie die Tuberkulose. Während die körperliche Krankheit den Körper zerstört, zerstört die Eifersucht die Seele und das Vertrauen.

Vielleicht ist das die zeitlose Botschaft dieses Stücks: Gegen Krankheiten des Körpers können wir oft wenig tun. Aber wie wir miteinander umgehen, wie wir dem Monster der Eifersucht Raum geben oder es bekämpfen, liegt in unserer Hand. „La Bohème” zeigt uns, dass die größte Not nicht Hunger oder Kälte ist, sondern die Unfähigkeit, das Glück festzuhalten, wenn es direkt vor uns steht.