ICE-Hilfssheriffs in Minneapolis, Angst und die Midterms

Wenn wir heute in Deutschland aus dem Fenster schauen, wirkt die Welt vielleicht grau, aber stabil. Blicken wir jedoch über den Atlantik nach Minneapolis, sieht die Welt ganz anders aus. Eine Stadt, die eigentlich für ihre Seen und ihre Lebensqualität bekannt ist, wird derzeit zum Schauplatz einer neuen dunklen Ära der amerikanischen „Sicherheitspolitik“.

Es geht um mehr als nur Abschiebungen. Es geht um die Demontage der Menschlichkeit als politisches Kalkül. Was wir derzeit in den Straßen der Twin Cities erleben, hat wenig mit professioneller Polizeiarbeit zu tun, sondern erinnert eher an die dunkelsten Kapitel von Bürgerkriegsszenarien. Es handelt sich nicht um gut ausgebildete Beamte, die nach rechtsstaatlichen Prinzipien handeln. Es wirkt eher, als sei eine Truppe schießwütiger Hilfssheriffs nach einem zweiwöchigen Crashkurs auf die Menschheit losgelassen worden.

Maskiert. Aggressiv. Völlig enthemmt.

Nehmen wir den Fall von Renée Good. Eine 37-jährige Frau, die in ihrem Auto saß, wurde von maskierten ICE-Agenten gestellt. Ein Video dokumentiert das Grauen. Ein Agent namens Jonathan Ross, ein ehemaliger Maschinengewehrschütze aus dem Irak-Krieg, schießt erst durch die Frontscheibe und setzt dann aus kürzester Distanz zwei gezielte Schüsse in ihren Kopf ab. Als wäre diese Hinrichtung auf offener Straße nicht genug, ist auf den Aufnahmen außerdem zu hören, wie er sie danach noch als „fucking bitch“ beschimpft. Das ist keine Deeskalation. Das ist die Sprache von Besatzern, die ihre Gegner hassen.

Oder Alex Pretti. Ein 37-jähriger Krankenpfleger, ein Mann, der sein Leben dem Retten von Menschen auf der Intensivstation gewidmet hat. Er wurde vor zwei Tagen von ICE-Agenten niedergerungen und erschossen. Ein US-Bürger, wohlgemerkt. Die Bilder zeigen, wie er am Boden liegt, von mehreren Beamten bedrängt wird, bevor die tödlichen Schüsse fallen. Es gibt keine sichtbare Waffe bei ihm, nur sein Handy. Diese Vorfälle sind keine „bedauerlichen Einzelfälle“ – sie tragen die Handschrift einer Behörde, die sich unter der aktuellen Administration als unantastbare Prätorianergarde versteht.

Das Kind als Köder: Die Geschichte von Liam.

Doch die Brutalität hat viele Gesichter. Eines der erschütterndsten ist das Schicksal des kleinen Liam, der gerade einmal fünf Jahre alt ist. Stellt euch vor: Ein kleiner Junge kommt vom Kindergarten nach Hause. Er ist noch in der Welt der bunten Stifte und Pausenbrote, als er von maskierten Agenten abgefangen wird. Sie haben ihn nicht einfach mitgenommen. Sie haben ihn als Köder benutzt. Sie zwangen den Fünfjährigen, an die Tür seines Elternhauses zu klopfen, damit die Eltern öffnen und die Agenten ins Haus stürmen können.

Die Eltern haben einen legalen Aufenthaltsstatus und befinden sich in einem laufenden Asylverfahren. Doch das spielt keine Rolle mehr. In diesem neuen System ist Recht nur noch eine Variable, die man nach Belieben streichen kann. Ein Kind als menschliches Druckmittel gegen die eigenen Eltern einzusetzen, ist eine moralische Bankrotterklärung, wie man sie sonst nur aus Diktaturen kennt.

Die Strategie, die hier verfolgt wird, ist die der Angst, und sie trägt den Namen Operation Wählertäuschung.

Man muss sich fragen: Warum dieser Aufwand? Warum diese medienwirksame Brutalität in Städten wie Minneapolis? Die Antwort liegt nicht in der Anzahl der Abschiebungen. Die Hauptaufgabe des ICE im Jahr 2026 ist nicht die Durchsetzung des Einwanderungsrechts. Es geht vielmehr um die systematische Verbreitung von Angst. Wir stehen vor den Midterms, den Zwischenwahlen zum Kongress. Und wo operiert der ICE am aggressivsten? In den „Blue Cities“, den demokratischen Hochburgen.

Das Ziel ist simpel und perfide. Es soll eine Atmosphäre geschaffen werden, in der sich niemand mehr sicher fühlt. Wenn der Staat zeigt, dass er US-Bürger auf offener Straße erschießen oder Kinder als Köder benutzen kann, ohne dass es Konsequenzen gibt, dann bleiben die Menschen am Wahltag lieber zu Hause. Trump und sein Vize JD Vance legen hier das Fundament für ein dauerhaftes Regime. Wer Angst hat, stellt keine Fragen. Wer Angst hat, geht nicht protestieren. Und wer Angst hat, wählt nicht gegen den starken Mann, der verspricht, diese „Unruhe“ – die er selbst verursacht hat – zu beenden. Es ist die klassische Taktik der Autokraten. Erst wird Chaos geschaffen, damit das Volk anschließend nach der eisernen Faust schreit.

Zum Schluss noch eine Note bitterer Sarkasmus.

Während wir fassungslos zusehen, wie die Grundlagen der ältesten Demokratie der Welt in den verschneiten Straßen von Minnesota zerbröseln, drängt sich mir eine Frage auf: Wie lange wird es dauern, bis die ersten anfangen, sich Donald Trump – also den Trump von heute – als „eigentlich ganz vernünftigen Politiker“ zurückzuwünschen, sobald sein Nachfolger das Feld betritt? Was tippt ihr? Ich bin optimistisch – oder eher pessimistisch realistisch – und gebe uns maximal ein halbes Jahr nach dem Ende von Trumps Amtszeit.


Bilder: Funke Medien
Podcast: Muzaproduction, HitsLab