Dr. Robinavitch, das Pittsburgh Trauma Medical Center und eine 15-Stunden-Schicht

Wenn man mich fragt, was ich beruflich mache, muss ich kurz innehalten. Offiziell bin ich schließlich kein Mediziner. Aber inoffiziell? Ich habe mehr Stunden in Operationssälen verbracht als so mancher Assistenzarzt im dritten Jahr. Mein Fachgebiet? Amerikanische Krankenhausserien. Mein Campus? Die heimische Couch.

Alles begann ganz klassisch in den heiligen Hallen des County General Hospitals in Chicago. Unter der strengen, aber gerechten Aufsicht von Dr. Greene und dem damals noch blutjungen Dr. Doug Ross habe ich dort gelernt, was es heißt, ein Trauma-Team zu leiten. Für meine Spezialisierung wechselte ich später an das Princeton-Plainsboro Teaching Hospital, wo ich unter Dr. Gregory House lernte, dass es niemals Lupus ist (außer in der einen Folge, in der es dann doch Lupus war). Meine „Facharztausbildung“ schloss ich schließlich mit Bravour bei The Good Doctor ab. Dort lernte ich, dass man mit genügend räumlichem Vorstellungsvermögen und einer Prise Autismus fast jedes medizinische Rätsel lösen kann.

TV-Universität für fiktive Medizin

Ich sage es ganz offen: Wenn das bloße Konsumieren von „Emergency Room“, „Dr. House“ und „The Good Doctor“ als staatlich anerkannte ärztliche Ausbildung durchgehen würde, wäre ich heute zweifellos Chefarzt. Mindestens. Ich hätte mein eigenes Büro, ein lässig um den Nacken baumelndes Stethoskop und eine beeindruckende Sammlung dramatischer Gesichtsausdrücke für schlechte Nachrichten.

Doch jedem Mediziner ist klar: Wer rastet, der rostet. Man muss am Ball bleiben, die neuesten Leitlinien kennen und sich über die neuesten dramatischen Wendungen informieren. Und genau hier kommt „The Pitt“ ins Spiel. Die neue Serie bei HBO Max ist für uns Absolventen der „TV-Universität für fiktive Medizin“ wie die lang ersehnte Fortbildung, auf die wir jahrelang gewartet haben.

Der Clou an der Sache ist die personelle und emotionale Brücke, die hier geschlagen wird. Mit Noah Wyle in der Hauptrolle kehrt unser alter Mentor aus ER-Zeiten quasi zurück. Damals war er der schüchterne John Carter, heute ist er Dr. Michael „Robby“ Robinavitch – und der Name ist Programm. Er ist der erfahrene Hase, der uns durch das Chaos der Notaufnahme des Pittsburgh Trauma Medical Centers führt. Für uns Zuschauer ist es, als würden wir nach einem langen Sabbatical wieder in den Dienst treten. Die Verbindung zu unseren alten Wurzeln in Chicago ist spürbar, doch der Ton ist moderner, rauer und, man mag es kaum glauben, noch intensiver. Die Serie ist die perfekte Fortbildung für alle, die wissen wollen, wie sich die Notfallmedizin in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt hat.

Keine Zeit für Kaffeepausen oder langes Philosophieren

Wir befinden uns aktuell in einer extrem spannenden Phase. HBO strahlt nämlich gerade die 2. Staffel aus. Das Besondere an „The Pitt“ ist das Format: Jede Staffel erzählt eine einzige 15-stündige Schicht in nahezu Echtzeit. Das Team um Dr. Robinavitch hat also keine Zeit für Kaffeepausen oder langes Philosophieren am Fenster – hier zählt jede Minute.

Da wir uns heute, am 6. Februar 2026, am Tag nach der Veröffentlichung der fünften Episode befinden, haben Dr. Robby und seine Crew gerade einmal die ersten fünf Stunden ihres Marathons hinter sich gebracht. Das bedeutet für uns und das Team: Zehn weitere Stunden voller dramatischer Diagnosen, ethischer Dilemmata und vermutlich einer Menge Blut liegen vor uns. Es ist diese 15-stündige Marathondokumentation, die die Zuschauer so in den Bann zieht. Man spürt förmlich, wie die Erschöpfung des Personals von Folge zu Folge zunimmt. Als „Chefarzt der Fernseh-Uni“ sitze ich mit gezücktem (mentalen) Skalpell vor dem Bildschirm und analysiere jede Entscheidung von Dr. Robinavitch. Man will schließlich nicht aus der Übung kommen.

Virologie, Geopolitik und die Funktionsweise von Mikrowellenstrahlen

Trotz des umfangreichen Fachvokabulars, das ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe – ich kann „Lumbalpunktion“ und „Intubation“ fehlerfrei aussprechen –, ist mir eines bewusst: Fernsehserien vermitteln kein fundiertes medizinisches Wissen. So süffisant ich mich auch als Chefarzt bezeichne, ich weiß sehr wohl, dass ich im echten Leben wahrscheinlich schon beim Anblick einer größeren Platzwunde umkippen würde. Ein Fernseher ist schließlich kein Hörsaal und ein Drehbuch kein medizinisches Lehrbuch. Diese Fähigkeit zur Selbsteinschätzung und zur Differenzierung zwischen Fiktion und Realität unterscheidet mich (und hoffentlich dich auch) ganz entscheidend von manchen Telegram-Usern.

Dort scheint man manchmal wirklich davon auszugehen, dass ein dreiminütiges Video eines „Experten“ in einer heimischen Küche die gleiche Aussagekraft hat wie ein Medizinstudium. Während mir klar ist, dass meine „Karriere“ als Dr.-Robinavitch-Assistent mit dem Abspann endet, glauben andere nach zwei Sprachnachrichten, sie hätten die gesamte Virologie, Geopolitik und die Funktionsweise von Mikrowellenstrahlen umfassend verstanden.

Ich bleibe also lieber bei meinem Pitt, meinem Emergency Room und meiner Einbildung – wohlwissend, dass ich im Ernstfall einen echten Arzt rufen würde. Aber bis dahin: Dr. Robinavitch, ich bin bereit für die nächsten zehn Stunden! Bitte liebes HBO. Bitte!

PS: Ich habe auch einen Abschluss in Rechtsanwalt.