Der erstgeborene Sohn Karls des Großen, die Suche nach dem Platz in dieser Welt und entfachte Magie


Wer viel Kultur konsumiert, neigt mit der Zeit dazu, einen gewissen Schutzpanzer aufzubauen. Die Ansprüche steigen, man hat schon viel gesehen und es braucht immer mehr, um echte, tief sitzende Begeisterung auszulösen. Mit genau dieser Haltung und, um ehrlich zu sein, recht gemischten Erwartungen machte ich mich gestern auf den Weg in die Staatsoperette Dresden, um mir die Vorstellung von „Pippin – Die Kunst des Lebens” anzusehen. Ich hatte mir im Vorfeld die Inhaltszusammenfassung durchgelesen und mich gedanklich bereits auf ein schweres psychologisches Drama eingestellt. Die Geschichte eines jungen Prinzen, der verzweifelt nach dem absoluten, außergewöhnlichen Sinn des Lebens sucht, klang nach existenziellem Tiefgang. Ich erwartete schwere Kost, bei der man im Zuschauerraum die Stirn in Falten legt und nachdenklich nach Hause geht.

Das Stück selbst verhandelt schließlich ein Thema, das uns allen aus dem eigenen Spiegelbild bekannt ist. Es geht um die universelle, oft schmerzhafte Suche nach dem eigenen Platz in der Welt, um die Unzufriedenheit mit dem Gewöhnlichen und den Drang, etwas Einzigartiges zu leisten. Pippin probiert alles aus: Krieg, Fleischlichkeit, Politik und Revolution. Doch nichts davon füllt die innere Leere. Dieses Gefühl, niemals ganz zufrieden zu sein mit dem, was man hat, ist zutiefst menschlich. Doch wenn ich jetzt, einen Tag später, an meinem Schreibtisch sitze und über den gestrigen Abend berichte, merke ich noch immer ganz intensiv, wie begeistert ich war und wie sehr dieser Funke nachwirkt. Von schwerer Kost im Sinne eines zähen Theaterabends war absolut keine Spur. Im Gegenteil: Es war ein Rausch.

Bereits im Opening wurde das entscheidende Versprechen gegeben: „Wir entfachen Magie.“ Ein Satz, der im Theater schnell zur Floskel verkommen kann, doch an diesem Abend in der Staatsoperette stimmte er bis zur letzten Sekunde. Das Gesamtkunstwerk entfaltete sich ab dem Moment, in dem das Licht im Saal erlosch. Allein das Bühnenbild bot unheimlich viel zu sehen. Es war kein bloßer Hintergrund, sondern ein lebendiger, dynamischer Raum, der die Fantasie anregte und die surreale, beinah zirkusartige Atmosphäre des Stücks perfekt transportierte. Man wusste zeitweise gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte, so detailreich und klug war die visuelle Umsetzung gestaltet.

Diese Optik wurde getragen von einer absolut herausragenden Leistung auf der Bühne und im Orchestergraben. Das Ensemble spielte, tanzte und sang mit einer derartigen Präzision und Energie, dass es das Publikum regelrecht in die Sitze drückte. Die Musik, live und punktgenau vom Orchester dargeboten, entwickelte einen Sog, dem man sich nicht entziehen konnte. Jeder Akkord saß, jede Nuance stimmte und die Verbindung zwischen den Musikern im Graben und den Darstellern auf der Bühne war absolut fehlerfrei.

Das größte Phänomen des gestrigen Abends war jedoch die Wechselwirkung im Saal. Zu einer großartigen Show gehört immer auch ein Publikum, das mitgeht. Das Publikum gestern Abend ging jedoch nicht nur mit, es explodierte geradezu. Nach praktisch jeder einzelnen Szene gab es tosenden Applaus, lautes Gejohle und eine Begeisterung, wie man sie im Theater nur selten erlebt. Zum großen Finale gab es kein Halten mehr: Standing Ovations, minutenlanger Applaus und eine Welle der Euphorie schwappten durch das gesamte Haus. Man merkte richtig, wie der Funke übergesprungen war. Das Faszinierende daran war, dass dieser Funke gestern vielleicht sogar eher im Zuschauerraum zündete und von dort zurück auf die Bühne sprang. Das wiederum peitschte das Ensemble zu noch mehr Höchstleistungen an. Es war eine spürbare, elektrische Rückkopplung der puren Spielfreude.

Als jemand, der als „Viel-Kultur-Gänger“ wirklich oft in den Zuschauerräumen der Region sitzt und dessen Ansprüche im Laufe der Jahre massiv gestiegen sind, schreibe ich das nicht ohne Grund oder aus einer Laune heraus: Diese Show muss man einfach gesehen haben. Wer die Gelegenheit hat, sich dieses Spektakel in der Staatsoperette Dresden anzusehen, sollte nicht zögern. „Pippin” beweist, dass die Suche nach dem Sinn des Lebens zwar eine tiefgründige Frage bleibt, ihre Darstellung auf der Bühne aber ein absolut magisches und mitreißendes Fest sein kann.

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