Die menschliche Seele und ihre Irrfahrt auf dem Weg zur Heilung

Christopher Nolans „Die Odyssee“ als bildgewaltige Premiere im neuen Dresdner IMAX

Großes Kino hat in Dresden ab sofort ein neues Zuhause. Pünktlich zur mit Spannung erwarteten Veröffentlichung von Christopher Nolans monumentalem Epos „Die Odyssee” feiert der frisch umgebaute IMAX-Saal im Cineplex Kristallpalast seine Premiere. Der Saal wurde mit modernster Kinotechnik ausgestattet, um das Publikum mitten in die antike Welt hineinzuziehen.

Aber was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem Mythos IMAX? Das Kürzel steht für „Image Maximum“ und bezeichnet ein Kinosystem, das für gigantische Leinwände und ein maximales Eintauchen in den Film entwickelt wurde. Auch wenn diese Installation in Dresden kein „echtes“, klassisches IMAX im traditionellen Sinne ist, war mein Filmerlebnis schlichtweg atemberaubend. Doch wo genau liegt der Unterschied zwischen der Dresdner Technik und dem analogen Original?

Das traditionelle Ur-IMAX basiert auf gigantischem 70-mm-Analogfilm, der horizontal durch den Projektor läuft. Diese riesigen Filmstreifen bieten eine theoretische Auflösung, die sogar das digitale 8K übertrifft. Sie erfordern monumentale Leinwände, die so groß wie mehrstöckige Häuser sind. In Dresden kommt hingegen das moderne, digitale „IMAX mit Laser“ im fast quadratischen Format von 1,9:1 zum Einsatz. Ich finde, dass dieses IMAX-Bildformat viel besser zum natürlichen menschlichen Blickfeld passt als das extrem in die Breite gezogene Hollywood-Format Cinemascope (2,39:1). Während wir bei Cinemascope durch den schmalen Sehstreifen oft das Gefühl haben, durch einen Sehschlitz zu schauen, und den Blick aktiv hin und her bewegen müssen, nutzt das IMAX-Format die vertikale Achse perfekt aus.

Das menschliche Auge nimmt seine Umwelt nämlich viel eher in einem runden, dreidimensionalen Kegel wahr, bei dem das periphere Sehen nach oben und unten eine große Rolle spielt. Durch die enorme Höhe der IMAX-Leinwand wird dieses Sichtfeld komplett ausgefüllt. Anstelle tonnenschwerer Filmrollen projizieren Hochleistungslaser ein gestochen scharfes und extrem kontrastreiches Bild auf eine 188 Quadratmeter große, silberbeschichtete Wand. In Kombination mit einem wuchtigen 12-Kanal-Soundsystem, das den Schall auch von der Decke präzise in den Raum wirft, verschwindet die Grenze zwischen Kinosessel und Filmwelt fast vollständig. Es ist eine digitale Interpretation des Klassikers, aber ein visualisiertes Meisterwerk, das man im Kino erlebt haben muss.

Achtung: Spoiler zum Inhalt des Films!

Nolans „Die Odyssee” erzählt die legendäre Heimreise des Königs Odysseus (gespielt von Matt Damon) nach dem unerbittlichen Trojanischen Krieg. Die Handlung setzt unmittelbar nach dem Fall Trojas ein, als Odysseus mit seinen Männern die Heimreise antritt. Durch die Hybris des Anführers ziehen sie jedoch den Zorn des Meeresgottes Poseidon auf sich. Es folgt eine jahrelange, albtraumhafte Irrfahrt durch mythische Welten. Der Film spart nicht mit düsteren Passagen, wie der Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem oder dem psychologischen Horror auf der Insel der Zauberin Kirke.

Während Odysseus’ Mannschaft durch Ungeheuer, Naturgewalten und eigene Verfehlungen Mann für Mann dezimiert wird, vergehen auf seiner Heimatinsel Ithaka zwanzig Jahre. Dort muss seine treue Ehefrau Penelope (Anne Hathaway) eine Belagerung durch aggressive Freier ertragen, die den Thron an sich reißen und das Land tyrannisieren wollen. Als Odysseus schließlich, von den Strapazen völlig gezeichnet und kaum wiederzuerkennen, als Bettler getarnt, nach Ithaka zurückkehrt, verbündet er sich mit seinem mittlerweile erwachsenen Sohn Telemachos (Tom Holland). In einem brutalen Finale im Königssaal nimmt Odysseus gnadenlose Rache an den Freiern, metzelt die Verräter nieder und stellt die alte Ordnung wieder her. Endlich kann er wieder in den Armen seiner Frau Frieden finden.

Der Cast und die künstliche Empörung

Bereits im Vorfeld gab es heftige Diskussionen und teils laute Kritik an der Besetzung der einzelnen Rollen. Diese Debatten kann ich nach dem Kinobesuch absolut nicht nachvollziehen. Das Starensemble liefert durch die Bank eine meisterhafte Performance ab. Die Schauspieler passen perfekt in ihre jeweiligen Rollen und verleihen den antiken Figuren eine moderne, greifbare Tiefe.

Es drängt sich das Gefühl auf, dass gerade konservative Kreise einmal tief in sich gehen und darüber nachdenken sollten, warum ausgerechnet sie sich permanent so intensiv mit Geschlechtsorganen, veränderten Identitäten oder der Hautfarbe von Darstellern beschäftigen.

Hat Gott die Menschheit nicht etwas völlig anderes gelehrt? Geht es im Kern des Glaubens und des menschlichen Zusammenlebens nicht um Nächstenliebe, Respekt und den Charakter eines Individuums statt um äußerliche Merkmale oder biologische Details? Diese künstliche Empörung lenkt nur von den eigentlichen Botschaften ab, die uns solche Geschichten vermitteln wollen.

Die philosophische Reise: Sind wir noch Menschen?

Besonders faszinierend ist die über dem gesamten Werk schwebende philosophische Ebene. Der Film entfaltet seine Wucht in einer Epoche, in der die Götter noch aktiv in das Schicksal der Menschen eingriffen. Beim Betrachten der Leinwand drängt sich jedoch die Frage auf, ob Friedrich Nietzsche nicht recht hatte, als er verkündete, dass Gott tot sei und wir ihn getötet haben. Denn das Göttliche manifestiert sich nicht in Donnerschlägen oder Fabelwesen, sondern im friedlichen, empathischen und normalen Zusammenleben zwischen Menschen.

Das wird besonders in der emotionalen Szene deutlich, in der Odysseus unerkannt nach Ithaka zurückkehrt und mit Penelope spricht. Sinngemäß stellt er fest, dass wir alles, was uns als Menschen ausmacht, zerstört haben. Die Zerstörung des friedlichen Miteinanders ist die wahre Tragödie. Befinden wir uns also als gesamte Menschheit noch immer auf einer ewigen Reise zurück zu diesem Göttlichen? Müssen wir uns als Zivilisation erst selbst heilen, um wieder zu echter Menschlichkeit zu finden?

Der Film liefert hier einen spannenden, wenn auch widersprüchlichen Anhaltspunkt. Einerseits verherrlicht Nolans Werk phasenweise die Gewalt und zelebriert eine fast schon sakrale Verehrung von „Veteranen“, ein Begriff, den das Drehbuch immer wieder bemüht, obwohl die alten Griechen dieses Konzept eines traumatisierten Kriegsheimkehrers in unserem heutigen Sinne gar nicht kannten. Dieser Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Frieden und der gleichzeitigen filmischen Ästhetisierung von Gewalt bricht das Ideal der Heilung auf.

Die digitale Heimkehr der Antike

Dabei zeigt der Film auch, wie tief diese alten Erzählungen in uns verwurzelt sind und dass uns das alte Griechenland bis heute mindestens sprachlich noch immer sehr beeinflusst. Im Alltag merken wir das oft gar nicht mehr, aber wir alle haben Mentoren, wir beobachten Dinge mit Argusaugen oder wir bezirzen jemanden, allesamt Begriffe und Redewendungen, die direkt aus der griechischen Mythologie und eben jener Epoche der Odyssee stammen.

Es ist absolut faszinierend, wie es diese alten griechischen Geschichten sogar bis in die modernste Zeitrechnung der Menschheit geschafft haben und unsere technologische Gegenwart prägen. Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl das Trojanische Pferd, die geniale List des Odysseus, die Trojas Untergang besiegelte. Diese jahrtausendealte Idee hat den direkten Sprung in die digitale Welt geschafft, wo wir heute schädliche Computerprogramme, die sich als nützliche Software tarnen, ganz selbstverständlich als Trojaner bezeichnen. So reist die Antike online weiter.

Ein episches Gesamtkunstwerk mit kleinen Abstrichen

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens seine ganz eigene Odyssee durchlebt. Es ist die universelle Reise zu sich selbst, ein steiniger Weg, um im eigenen Inneren ein Zuhause zu finden, und das ist bekanntlich alles andere als einfach.

Unterm Strich hat mich „Die Odyssee” fantastisch unterhalten und ist ein absolut sehenswertes Stück Kino. Trotz seiner Länge von 165 Minuten war der Film zu keinem Zeitpunkt langatmig, sondern fesselt durchgehend mit seiner enormen Erzähldichte. Die einzige echte Schwäche liegt für mich im sehr dominanten amerikanischen Hurra-Patriotismus und der inflationären Verwendung des Begriffs „Veteran”. Dieses intensivierte Pathos stößt hier und da etwas sauer auf. Aber gut, das liegt wahrscheinlich auch einfach daran, dass ich im Alltag keinen Fox-News-Moderator im Verteidigungsministerium sitzen habe, der mir das passende Skript dazu vorliest.

Lässt man diesen typischen Hollywood-Pathos beiseite, bleibt ein bildgewaltiges, tiefgründiges und packendes Gesamtkunstwerk, das auf der großen IMAX-Leinwand seine volle Wirkung entfaltet.


Kommentare

C. R. • Sonntag, 19. Juli 2026

Ein Spoiler-Alert zu einem fast 3.000 Jahre altem Buch…
🤣 🤣 🤣


Christian • Sonntag, 19. Juli 2026 (via Bluesky)

Lese gerade das Buch und bin schwer begeistert. Jetzt meide ich jeglichen Content dazu, um mich nicht spoilern zu lassen – aber danach gebe ich mir alles dazu. 🔥

Danny I BehindBlueEyes.de • Sonntag, 19. Juli 2026

Musstest du das Buch nicht in der Schule lesen?
Früher™ hatten wir das in Literatur.

Viel Spaß dabei ⛵️ und lass‘ dich nicht von den Sirenen einfangen!

Christian • Sonntag, 19. Juli 2026 (via Bluesky)

Tatsächlich nicht, nein. Nicht ein einziges Mal Goethe. Wir hatten allerdings Medea von Christa Wolf. Naja. Und danke, liebe es, macht richtig Spaß. 🤩


Quellenangaben

Bilder: The Rumble Museum
Sound: Aleksandr Karabanov, Nikita Kondrashev