Der maskierte Selbstjustizler und die menschliche Einsamkeit

Spider-Man: Brand New Day

In „Spider-Man: Brand New Day” steht Peter Parker an einem Wendepunkt. Nach all den chaotischen Schlachten, Multiversums-Wirren und schmerzhaften Verlusten der Vergangenheit muss er sich nun in einem stark zurückgenommenen, persönlichen Alltag behaupten.

Die Geschichte setzt genau dort an, wo die Fäden der vorherigen Abenteuer zusammenlaufen. Spider-Man patrouilliert wieder durch die Straßenschluchten. Allerdings ohne die Hightech-Unterstützung aus seiner Anfangszeit. Stattdessen konfrontiert ihn die Handlung mit einer neuen Bedrohung, die nicht das Schicksal der gesamten Welt, sondern die Überreste seines eigenen, zerrütteten Privatlebens bedroht. Während er versucht, alte Fehler wiedergutzumachen und ein Phantom aus seiner Vergangenheit aufzuhalten, muss er lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Die Narben der vorherigen Ereignisse sind spürbar und durch jede Entscheidung zieht sich der rote Faden einer schmerzhaften Reifung. Die freundliche Spinne von nebenan wird spürbar erwachsen.

Sommerliches Zufluchtskino ohne Überdosis

Man sollte hier allerdings keinen monumentalen Meilenstein erwarten, der das Superhelden-Genre völlig neu erfindet. Der Film ist kein gigantischer, epochaler Blockbuster, der alle Rekorde bricht.

Dennoch bietet er genau das, was man an heißen Sommertagen sucht, nämlich erstklassige, verlässliche Unterhaltung. Wer sich vor der brütenden Hitze der Stadt ins angenehm klimatisierte Dunkel des Kinosaals flüchten möchte, bekommt ein wunderbar ausbalanciertes Spektakel serviert, das Popcorn-Kino mit echtem Herz verbindet.

Wenn die Effekte ins Stolpern geraten

Was beim Zuschauen allerdings nicht ganz verborgen bleibt, ist die spürbar nachgelassene CGI-Qualität.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. In der Hochphase der Marvel-Filme gab es maximal ein bis zwei Veröffentlichungen pro Jahr. Damals wurde die gebündelte Manpower der besten Spezialisten auf wenige Großprojekte konzentriert, sodass enorm viel Zeit und Akribie in jede einzelne Szene fließen konnte. Heutzutage jagt jedoch ein Blockbuster den nächsten, von Dauerbrennern bis hin zu konkurrierenden Großprojekten wie den neuen Superman-Spektakeln. Die enormen Kapazitäten der Effektstudios sind Dauerbelastungen ausgesetzt und auf zahllose parallele Produktionen verteilt.

Das Ergebnis sind sichtbare Abstriche in den Details, da den Kreativen schlichtweg die Zeit fehlt, die Szenen bis zur Perfektion zu schleifen.

Das Gefängnis der eigenen Maske

Doch hinter der Fassade aus rasanten Verfolgungsjagden, wechselhafter Optik und schlagfertigen Sprüchen verbirgt sich eine viel tiefere Ebene. Der Film blickt auf das Wesen der Isolation.

Spider-Man verbarrikadiert sich hinter seiner Maske, um die Welt zu schützen. Doch je mehr er sich abkapselt, desto deutlicher wird der innere Bruch. Das Motiv der Selbstjustiz erweist sich nicht als heroische Freiheit, sondern als selbstgewähltes Gefängnis. Die Geschichte macht eindringlich klar, dass der Einzelne nicht dazu geschaffen ist, alle Lasten der Welt allein zu tragen. Wir sind soziale Wesen, die auf Gemeinschaft, Verständnis und das Gegenüber angewiesen sind. Wer glaubt, in vollkommener Autonomie Erfüllung zu finden, irrt.

Selbst der stärkste Beschützer zerbricht an der Stille einer leeren Wohnung, denn eine Menschenseele schreit auch im größten Leid nach einer anderen Menschenseele.

Spider-Man im deutschen Bürokratie-Geflecht?

Am Ende bleibt eigentlich nur noch die unterhaltsame Vorstellung, wie eine solche Superhelden-Action auf deutschem Boden wohl aussehen würde. Theorie und Praxis driften hierzulande schließlich gewaltig auseinander. Sich mit Fäden durch die imposanten Hochhausschluchten der Frankfurter Skyline zu schwingen, klingt dynamisch. Im Land der lückenlosen Paragrafen würde dieser Ausflug jedoch vermutlich schon nach wenigen Metern im Bürokratie-Sumpf steckenbleiben.

Während Spider-Man in New York einfach losfliegt, würden in Deutschland sofort die Sicherheitsvorschriften im Weg stehen. Zunächst müsste mit Sicherheit eine Sondergenehmigung für den ungesicherten Aufenthalt im öffentlichen Luftraum eingeholt werden. Anschließend wäre eine städtische Statikprüfung für die Belastbarkeit der Fassaden durch Spinnenseile erforderlich, gefolgt von einer feinsäuberlich ausgefüllten Gefährdungsbeurteilung.

Selbst der kühnste Netzschwinger würde bei uns wohl spätestens am Absperrband und am Formularwesen scheitern.


Quellenangaben

Bilder: Marvel Studios, Sony Pictures
Sound: Aleksandr Karabano, Music Fox