Die Enterprise und der Asteroid Chicxulub

Science-Fiction vor 65 Millionen Jahren

Das Raumschiff Enterprise unter dem Kommando von Captain Christopher Pike ist endlich wieder unterwegs. Mit dem Auftakt zur vierten Staffel von „Star Trek: Strange New Worlds” liefert die Serie genau das, was Fans weltweit seit Monaten herbeigesehnt haben.

Klassische, erstklassig inszenierte Science-Fiction, die von der ersten Minute an zum Staunen einlädt. Die bildgewaltigen Welten entfachen jenen puren „Sense of Wonder”, der uns fasziniert an den Bildschirm fesselt, während die packende Geschichte den perfekten Eskapismus bietet, um den Alltag für eine Stunde komplett zu vergessen und gemeinsam mit der Crew in ein fremdes Universum abzutauchen.

Mars-Giganten und Hommagen an die Wissenschaft

Die Episode mit dem klangvollen Titel „Valles Marineris” entführt die Crew in ein spektakuläres Szenario, das im Netz bereits begeistert gefeiert wird. Der Titel ist eine direkte Anspielung auf das riesige Canyonsystem Valles Marineris auf dem Mars, das größte Talsystem unseres Sonnensystems. Damit ist der Ton für ein Abenteuer in extremer, unberechenbarer Natur vorgegeben.

Schon beim Einsatz des Shuttles „Curie“ schlägt das Herz von Traditionshütern höher. Die Benennung des Beiboots nach Marie Curie, der zweifachen Nobelpreisträgerin und Pionierin der Radioaktivitätsforschung, führt eine wunderbare Tradition der Sternenflotte fort, ihre Schiffe nach den prägendsten Geistern der Menschheitsgeschichte zu benennen.

Ein Fest für Cineasten: Von Jurassic Park bis Prometheus

Inhaltlich zieht die Episode alle Register der Popkulturgeschichte und entpuppt sich als stilvolle Hommage an mehrere Kultfilme des Genres. Wenn die Crew auf der Planetenoberfläche einer urzeitlichen, von gefahrbringenden Echsen bevölkerten Umwelt gegenübersteht, weht augenblicklich der Geist von „Jurassic Park” durch die Szenerie. Die kühle, mythische Atmosphäre unerforschter Ruinen und geheimnisvoller Artefakte schlägt gekonnt die Brücke zu Ridley Scotts „Prometheus”, während die taktische Anspannung und die militärische Bedrohung durch aggressive Lebensformen wohltuende Erinnerungen an Paul Verhoevens „Starship Troopers” wecken.

Die Visual Effects und die Kameraführung bewegen sich dabei auf absolutem Mini-Blockbuster-Niveau und beweisen einmal mehr, warum „Strange New Worlds” derzeit als die optisch beste „Trek”-Serie gilt.

Föderationsideale versus Geopolitik

Unter der visuellen Oberfläche entfaltet die Episode jedoch ihre wahre Stärke, indem sie ein leidenschaftliches Plädoyer für Zusammenarbeit und eine offene Gesellschaft hält. Die Philosophie der Föderation steht hier heller im Mittelpunkt denn je. Fortschritt, Überleben und Wissen lassen sich nicht durch Isolationismus oder Dominanz erzielen, sondern nur durch das gemeinsame Anpacken unterschiedlicher Spezies und Charaktere. In diesen Passagen spiegelt die Handlung auf clevere Weise unsere reale Gegenwart wider. Einerseits steht das Ideal der Gemeinschaft. Ganz im Sinne des europäischen Integrationsgedankens der EU, wo Vielfalt, Diplomatie und Kooperation die Grundlagen des Zusammenlebens bilden.

Demgegenüber wird ein System dargestellt, das von Machtstreben, Misstrauen und reinem Eigeninteresse getrieben ist, wie es aktuell in den geopolitischen Entwicklungen rund um die USA zu beobachten ist. Die Folge zeigt eindrucksvoll, dass gegenseitiges Vertrauen auf lange Sicht stets über die Logik der Härte und Abschottung triumphiert.

Iridium, Dinos und die Tücken der Kausalität

Natürlich kommt die Episode nicht ganz ohne Diskussionsstoff für die Fangemeinde aus. Vor allem bei der Handhabung der Ersten Direktive und der Kausalität bin ich über einen deutlichen Logikfehler gestolpert. Die Crew achtet zwar peinlich genau darauf, den natürlichen Lauf der Dinge nicht zu beeinflussen, und vermeidet tunlichst, auch nur einen einzigen Dinosaurier zu töten, um die Evolution nicht umzuschreiben. Gleichzeitig greift sie jedoch überraschend beherzt zu und entnimmt wertvolles Iridium aus der Umgebung.

Bei aller Liebe zur Serie muss ich an dieser Stelle doch sehr erstaunt die Augenbraue hochziehen. Der Abbau und Abtransport von Rohstoffen vor Millionen von Jahren ist schließlich ein massiver Eingriff in die geologische und chemische Zukunft eines Planeten. Die Behauptung, das Bauholz für die Zukunft stehe unangetastet im Wald, während man den Boden darunter umgräbt, hinkt gewaltig. Es sind genau diese kleinen, widersprüchlichen Sci-Fi-Paradoxien, bei denen die Logik ein wenig auf der Strecke bleibt, auch wenn das Nachbesprechen dadurch nur noch mehr Spaß macht.

Ein rundum gelungener Auftakt

Zwar bemängeln einige Stimmen im Netz die gewohnten Handlungsschablonen oder die Thematisierung von Schicksal und Determinismus, doch diese Kritik greift zu kurz. Gerade das tiefgründige Hinterfragen von Fügung, Verantwortung und den eigenen Entscheidungen verleiht der Episode ihre emotionale Fallhöhe und hebt sie über eine reine Effektshow hinaus.

Das hervorragende Zusammenspiel der Crew um Anson Mount als Captain Christopher Pike, Rebecca Romijn als Una, Christina Chong als La’an und Melissa Navia als Ortegas trägt die Geschichte mühelos. „Strange New Worlds” meldet sich mit einem fantastischen Auftakt zurück, der das Erbe von „Star Trek” ehrt, moderne Sehgewohnheiten bedient und genau die richtigen Denkanstöße für unsere Zeit liefert.


Quellenangaben

Bilder: Paramount+, PNG Arts
Sound: Aleksandr Karabanov, Luis Humanoide, Paul Winter