Geheime Verwahrung, Kleinodiensammlung und das Historische Grüne Gewölbe

Hier geht’s ab sofort häufiger ins Museum. Ich hatte zu Weihnachten Jahreskarten für die Staatlichen Kunstsammlungen verschenkt, die wir heute endlich einlösen konnten. Unsere erste Station war – natürlich – das Historische Grüne Gewölbe. Da darin nicht fotografiert werden darf, gibt es statt dessen einen kurzen Einblick in die Geschichte.

Geschichte statt Fotos

Wer heute die schweren Sicherheitsschleusen im Erdgeschoss des Dresdner Residenzschlosses passiert, begibt sich auf eine Zeitreise von über 450 Jahren. Die Geschichte des Grünen Gewölbes ist nicht nur eine Chronik von unschätzbarem Reichtum, sondern spiegelt auch die europäische Machtpolitik und barocke Inszenierung wider. Der Name selbst ist dabei fast schon ein Understatement. Ursprünglich bezog er sich auf die malachitgrünen Anstriche der Säulenkapitelle und Basen in den ursprünglichen Schatzkammerräumen. Was als pragmatische Farbwahl begann, wurde zum Markenzeichen der prächtigsten Schatzkammer Europas.

Sicherheit vor Prunk

Alles begann in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Zwischen 1547 und 1554 ließ Kurfürst Moritz von Sachsen einen Anbau am Westflügel des Schlosses errichten. In diesen massiven Mauern entstand die „Geheime Verwahrung“. Damals dachte noch niemand an ein Museum. Es handelte sich um einen Hochsicherheitstrakt der Renaissance, der zur Aufbewahrung der kurfürstlichen Privatschatulle, wichtiger Urkunden und der staatlichen Reserven bestimmt war. Die Räume waren durch dicke Mauern und eiserne Türen vor Feuer und Diebstahl geschützt. Nur der Kurfürst selbst und seine engsten Vertrauten hatten Zutritt. Es war ein Ort der Diskretion und der Macht, verborgen hinter schmucklosen Fassaden.

Der Kurfürst als Kurator

Den entscheidenden Wendepunkt markiert das frühe 18. Jahrhundert. August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, war ein äußerst leidenschaftlicher Mensch. Er begeisterte sich für Kunst, Architektur und Macht. Er erkannte, dass sich Größe nicht nur durch Kriege, sondern vor allem durch kulturelle Strahlkraft demonstrieren ließ. So verwandelte er zwischen 1723 und 1730 die einstige Geheimkammer in ein öffentliches Museum. Eine revolutionäre Idee für die damalige Zeit!

Unter der Leitung des genialen Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann wurden die Räume im Erdgeschoss zu einem Gesamtkunstwerk ausgebaut. August der Starke wollte eine Inszenierung, die die Besucher überwältigte. Er ordnete die Sammlung daher nicht nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern nach Materialien. So entstanden das Bernsteinzimmer, das Elfenbeinzimmer, das Weißsilberzimmer und das prachtvolle Juwelenzimmer. Die Wände wurden mit riesigen Spiegeln verkleidet, die das Licht der Kerzen und den Glanz der Gold- und Silberarbeiten ins Unendliche vervielfachten. So entstand das Historische Grüne Gewölbe, eine begehbare Schatzkammer ohne Vitrinen, in der die Kunstwerke direkt auf Konsolen vor den Spiegelwänden standen.

Zerstörung, Raub und die glückliche Heimkehr

Die jüngere Geschichte der Sammlung ist von tiefen Zäsuren geprägt. So wurde das Residenzschloss bei den verheerenden Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945 schwer getroffen. Glücklicherweise waren die Schätze des Grünen Gewölbes bereits zuvor auf die Festung Königstein ausgelagert worden. Doch der Frieden brachte keine sofortige Sicherheit. Die Rote Armee beschlagnahmte die Bestände als Beutekunst und transportierte sie in die Sowjetunion. Erst 1958 kehrte die Sammlung als Zeichen der „sozialistischen Bruderhilfe” in die DDR zurück.

Da das Schloss noch jahrzehntelang eine Ruine blieb, wurde die Sammlung im Albertinum ausgestellt. Erst nach der Wiedervereinigung wurde die Vision Wirklichkeit, das Grüne Gewölbe an seinen Ursprungsort zurückzuführen. Die Rekonstruktion des Historischen Grünen Gewölbes war ein beispielloser Kraftakt der Denkmalpflege und fand 2006 mit der Wiedereröffnung ihren feierlichen Abschluss.

Im November 2019 fiel jedoch ein dunkler Schatten auf diesen Ort. Der spektakuläre Einbruch, bei dem Juwelengarnituren von unschätzbarem Wert gestohlen wurden, erschütterte die Weltöffentlichkeit. Es war ein schmerzhafter Verlust für das kulturelle Erbe Sachsens. Umso größer war die Erleichterung, als Ende 2022 ein großer Teil der Beute sichergestellt werden konnte. Auch wenn einige Stücke beschädigt sind, dokumentieren sie nun eine weitere dramatische Facette in der langen Geschichte dieses Hauses.

Wer das Grüne Gewölbe heute besucht, erlebt ein Spannungsfeld aus barocker Prachtentfaltung und moderner Museumspräsentation. Dass im Historischen Teil nicht fotografiert werden darf, mag im Zeitalter von Instagram ungewohnt sein. Doch vielleicht ist es gerade dieser Verzicht, der es ermöglicht, die Magie der Räume unverfälscht aufzunehmen. Man schaut nicht durch ein Display, sondern steht direkt vor dem Glanz einer Epoche, die den Anspruch hatte, die Ewigkeit in Gold und Edelsteinen einzufangen.