Klasse, sportliche Fairness und die Feiglinge aus dem K-Block


Manchmal muss man erst ein paar Stunden Abstand gewinnen, um die richtigen Worte zu finden. Manchmal vergrößert der Abstand jedoch auch die Fassungslosigkeit. Als ich gestern Abend nach dem Spiel zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC die ersten Schlagzeilen las, konnte ich es kaum glauben. Heute, am Tag danach, nachdem ich mir die Videos, Berichte und Bilder angesehen habe, herrscht bei mir nur noch blankes Entsetzen. Es hätte ein Tag des Stolzes sein sollen, ein Tag, an dem die gesamte Dynamo-Familie zusammenkommt, um einen der Größten ihrer Geschichte zu ehren. Die Zeremonie für den Ehrenspielführer Hans-Jürgen „Hansi“ Kreische war, wie ich aus allen Berichten entnehmen konnte, ein Moment von tiefer Würde und Respekt. Ein ganzes Stadion verneigte sich vor einem Mann, der wie kaum ein anderer für die Werte dieses Vereins stand: Treue, Klasse und sportliche Fairness. Was jedoch nur kurze Zeit später passierte, hat dieses Gedenken mit einer Brutalität beschmutzt, die mich sprachlos zurücklässt.

Die Ereignisse vom 4. April 2026 im Rudolf-Harbig-Stadion zeichnen das Bild eines kollektiven Wahnsinns. Was als sportlich brisantes Duell in der 2. Bundesliga begann, mutierte innerhalb kürzester Zeit zu einem Schauplatz der Gewalt, der mit Fußball nichts mehr zu tun hatte. Ich habe die Aufnahmen von den fliegenden Rauchbomben gesehen, die Bilder von den unkontrolliert durch den Abendhimmel zischenden Leuchtraketen und die Aufnahmen von den völlig enthemmten Gestalten, die den Platz stürmten. Dass Schiedsrichter Sven Jablonski die Partie unterbrechen musste, um die Sicherheit der Spieler beider Mannschaften zu gewährleisten, war die einzig richtige Konsequenz. Aber es ist eine Schande für uns alle. Es waren Jagdszenen, die man 2026 eigentlich längst in den Geschichtsbüchern verbannt wissen wollte. Hier ging es nicht um Leidenschaft oder die Unterstützung der Mannschaft, sondern um einen geplanten Ausbruch von Aggression, der die friedliche Mehrheit der Fans im Stadion in Geiselhaft nahm.

Wenn ich jetzt hier sitze und versuche, meine Gefühle zu ordnen, stoße ich immer wieder auf dieselbe Wand. Ich kann es einfach nicht verstehen. Ich bin mit diesem Verein groß geworden. Ich liebe die Emotionen, die Hitze auf den Rängen und das Gefühl, wenn das gesamte Stadion bebt. Wir reden oft von einer „gesunden Fan-Rivalität“, von den kleinen Sticheleien, den lautstarken Gesängen und der Reibung, die den Fußball so besonders machen. Das ist das Salz in der Suppe. Aber was da gestern passiert ist, hat nichts mit Rivalität zu tun. Es war schlichtweg dumm. Es gibt kein anderes Wort, das diesen Zustand besser beschreibt. Es ist eine blinde Zerstörungswut, die völlig am Ziel vorbeischießt und dabei genau das zerstört, was man vorgibt zu lieben. Wem genau sollte diese Aktion dienen? Der Mannschaft, die durch die Unterbrechung völlig aus dem Rhythmus kam? Dem Ansehen der Stadt Dresden? Dem Vereinskonto, das nun wieder durch massive DFB-Strafen geplündert wird? Nein, es schadet Dynamo Dresden massiv und nachhaltig.

Besonders wütend macht mich die Ironie im bekanntesten Slogan des K-Blocks: „Nichts ist größer als der Verein“. Dieser Satz hängt oft als riesiges Banner in der Kurve und ist das Credo vieler Fans. Eigentlich bedeutet dieser Satz, dass man sein eigenes Ego zurückstellt und sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt, damit die Sportgemeinschaft glänzen kann. Doch die Realität von gestern war das exakte Gegenteil. Wer den Platz stürmt, dabei Verletzungen von Mitmenschen in Kauf nimmt und einen Spielabbruch provoziert, stellt sein persönliches Geltungsbedürfnis weit über den Verein. Diese Leute missbrauchen den Namen Dynamo Dresden als Bühne für ihre privaten Aggressionen. Wenn der Verein wirklich das Größte wäre, würde man ihn schützen und nicht zur Zielscheibe der gesamten Nation machen. Man würde nicht zulassen, dass der Fokus von der sportlichen Leistung auf die Gewalt auf den Rängen verschoben wird.

Hinzu kommt eine Scheinheiligkeit, die ich als äußerst abstoßend empfinde. Wie kann man es mit sich selbst vereinbaren, erst eine Klublegende wie Hansi Kreische zu ehren und nur Augenblicke später all das mit Füßen zu treten, wofür dieser Mann stand? Hansi Kreische ist eine Ikone des Fairplays, ein Vorbild an Anstand und sportlicher Klasse. Die Trauerfeier und das Gedenken waren ein Versprechen, sein Erbe in Ehren zu halten. Und dann? Kaum rollt der Ball, wird jede Form von Anstand über Bord geworfen. Man kann nicht so tun, als würde man die Tradition und die Legenden des Vereins tief im Herzen tragen, und im nächsten Moment genau diese Tradition durch asoziales Verhalten beschmutzen. Diese Heuchelei entwertet das Gedenken im Nachhinein vollständig. Der Moment der Stille vor dem Anpfiff wird so zu einer hohlen, bedeutungslosen Geste für die Kameras, während das Herz dieser Leute offensichtlich ganz woanders schlägt.

Ein weiterer Punkt, der extrem anwidert, ist die Feigheit, die hinter diesen Taten steckt. In den Videos sehen wir immer das gleiche Muster. Die Täter maskieren sich, spielen den „starken Mann“, verbreiten Chaos und Zerstörung und sobald Polizei und Ordnungskräfte reagieren, ergreifen sie im Vollsprint die Flucht in den K-Block. Dort setzen sie ihre Sturmhauben ab und gehen in der Masse unter. Das ist keine Stärke. Das ist keine Ultra-Mentalität. Das ist schlichtweg feige. Wer die Kraft hat, einen Verein vor den Augen der gesamten Fußballwelt so massiv zu beschädigen, sollte auch den Arsch in der Hose haben, für die Konsequenzen geradezustehen. Stattdessen verstecken sie sich feige hinter den Tausenden unschuldigen Fans, die einfach nur Fußball schauen wollten. Sie missbrauchen die Kurve als menschliches Schutzschild, in dem Wissen, dass sich dort auch friedliche Anhänger befinden.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Schluss mit den Lippenbekenntnissen sein muss. Es muss endlich mit aller Härte durchgegriffen werden. Damit meine ich nicht nur den Verein oder den DFB. Es muss ein Ruck durch die gesamte Fanszene gehen. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass eine radikale, egozentrische Minderheit den Ruf von Zehntausenden anständigen Dresdnern ruiniert. Diese Feiglinge, die sich in der Masse verstecken, dürfen dort keinen Rückzugsraum mehr finden. Wenn wir als Fanszene wirklich wollen, dass „Nichts größer als der Verein“ ist, dann müssen wir anfangen, Dynamo vor diesen Leuten zu schützen. Es kann nicht sein, dass wir tatenlos zusehen, wie Einzelne unsere Leidenschaft als Vorwand für ihre Gewalt nutzen.

Die Ausschreitungen vom 4. April 2026 werden als dunkler Fleck in die Geschichte unseres Vereins eingehen. Während die Gäste aus Berlin wahrscheinlich mit Kopfschütteln abgereist sind, bleiben wir hier in Dresden mit dem Scherbenhaufen zurück. Wir bleiben mit der Schande, dem drohenden Punktabzug und der schmerzhaften Erkenntnis zurück, dass manche Leute den Verein nur als Alibi für ihre eigene Dummheit nutzen. Es reicht. Dynamo Dresden verdient Besseres als diese Szenen. Wir müssen uns den Verein von denen zurückholen, die ihn angeblich so sehr lieben, dass sie bereit sind, seine Existenz aufs Spiel zu setzen. Nur wenn wir jetzt konsequent gegen diese Feiglinge vorgehen, können wir dem Erbe eines Hansi Kreische irgendwann wirklich gerecht werden.