Der Tod eines Mythos, der Beginn einer neuen Ära und der Robin Hood der Streetart

Das größte Mysterium der modernen Kunstwelt scheint gelüftet zu sein und dieses Mal fühlt es sich endgültiger an als je zuvor. Während wir jahrelang über Robert Del Naja von Massive Attack spekulierten oder in jedem bärtigen Mann in Bristol einen potenziellen Weltstar suchten, hat eine groß angelegte Recherche von Reuters Fakten auf den Tisch gelegt, die kaum noch Raum für Zweifel lassen. Die Rede ist von Robin Gunningham, der seinen Namen schon vor Jahren in David Jones änderte, um in der Anonymität der britischen Masse unterzutauchen.

Der entscheidende „Smoking Gun“ war ein fast vergessenes Dokument: Ein unterzeichnetes Geständnis nach einer Festnahme in New York im Jahr 2000, bei der ein junger Sprayer ertappt wurde, als er eine Werbetafel modifizieren wollte. In den Akten tauchte der Name Gunningham auf, zusammen mit der Bestätigung, unter dem Pseudonym „Banksy“ zu agieren. In Kombination mit aktuellen Grenzdaten aus der Ukraine, in die ein gewisser David Jones zeitgleich mit Banksys Team einreiste, scheint die Maske nun endgültig gefallen zu sein.

Der Tod des Mythos: Warum die Enttarnung wehtut

Den Journalisten kann man diesen Scoop kaum verübeln, aber für viele Kunstfans fühlt es sich so an, als würde man Kindern erklären, dass der Weihnachtsmann nur ein verkleideter Onkel ist.

Banksy war nie nur ein Maler, er war eine Idee, ein Geist, der überall und nirgendwo gleichzeitig war. Diese Anonymität war sein wichtigstes Werkzeug. Sie erlaubte es uns, seine Werke losgelöst von ihrem Schöpfer zu betrachten. Ohne Gesicht wurde Banksy zur Projektionsfläche für unseren eigenen Widerstand gegen das System. Indem man ihm nun einen bürgerlichen Namen und eine Meldeadresse zuordnet, wird der „Robin Hood der Streetart“ entmystifiziert.

Er ist nicht mehr die ungreifbare Legende, sondern ein 53-jähriger Mann aus Bristol. Das Problem ist, dass Menschen angreifbar sind. Journalisten werden nun seine Miete, seine Steuererklärungen und seine privaten Verhältnisse durchleuchten. Der Zauber der nächtlichen Guerilla-Aktionen verfliegt, wenn man weiß, dass David Jones anschließend wahrscheinlich ganz profan in sein Reihenhaus zurückkehrt. Zudem droht ihm nun die volle Härte des Gesetzes. Vandalismus-Klagen, die bisher an einer anonymen Entität abprallten, haben nun ein konkretes Ziel.

Die neue Ära: Vom Schattenmann zum Sprachrohr

Man kann die Sache jedoch auch völlig anders sehen. Die Enttarnung muss nicht das Ende der Karriere bedeuten, sondern könnte das nächste logische Kapitel einer beispiellosen Laufbahn markieren. In den letzten Jahren hat sich Banksy immer stärker als politischer Aktivist positioniert – sei es mit seinen Arbeiten in der Ukraine, dem „Walled Off Hotel“ in Bethlehem oder der Finanzierung von Rettungsschiffen im Mittelmeer.

Bisher sprach er durch Schablonen und anonyme Statements. Stell dir vor, was passiert, wenn dieser Mann nun eine Pressekonferenz gibt. Wenn er nicht mehr nur ein Graffiti hinterlässt, sondern als David Jones vor die UN tritt oder in Talkshows die Machenschaften des Kunstmarktes und die Ungerechtigkeit der Weltpolitik direkt anprangert? Seine Botschaften würden eine völlig neue Schwere und moralische Autorität gewinnen.

Die Identität gibt ihm ein Gesicht, das sich nicht mehr so leicht als „rebellischer Streich“ abtun lässt. Er könnte vom Phantom zum Staatsmann der Straße aufsteigen. Seine Karriere würde sich lediglich von der Ästhetik des Versteckens hin zur Macht des Offensichtlichen verlagern.

Ein Werdegang im Rampenlicht der Schatten

Betrachtet man Banksys Werdegang durch diese neue Brille, ergibt plötzlich vieles einen Sinn. Alles begann in der Underground-Szene von Bristol in den frühen 90er Jahren. Damals war er Teil der „DryBreadZ Crew“. Er merkte früh, dass freihändiges Sprayen zu lange dauert und das Risiko, dabei erwischt zu werden, zu hoch ist. Die Lösung waren Schablonen, die er in Ruhe vorbereiten und in Sekunden an die Wand bringen konnte. Sein erstes großes Wandbild „The Mild Mild West“ aus dem Jahr 1999 zeigte bereits seinen Stil: Ein Teddybär, der einen Molotowcocktail auf Polizisten wirft.

Der Wendepunkt war der Vorfall in New York im Jahr 2000, bei dem er festgenommen wurde. Die Festnahme hätte ihn damals fast gestoppt, doch sie scheint sein Bedürfnis nach Tarnung nur befeuert zu haben. Als der Hype um ihn um das Jahr 2008 herum explodierte und die „Mail on Sunday“ erstmals den Namen Robin Gunningham ins Spiel brachte, vollzog er den wohl genialsten Schachzug: die Flucht in die absolute Normalität. Der Name David Jones war sein Schutzschild. Während die Welt nach einem exzentrischen Künstler suchte, lebte er unter einem der gewöhnlichsten Namen Großbritanniens.

Von London über den Gazastreifen bis hin zu seinen jüngsten Arbeiten in den Ruinen der Ukraine hat er bewiesen, dass er kein bloßer Sprayer ist, sondern ein Kurator des öffentlichen Raums. Er hat den Werdegang vom jungen Mann, der nachts über Zäune kletterte, hin zur globalen Institution vollzogen, die Auktionshäuser wie Sotheby’s mit Schredder-Aktionen vorführt.

Dass wir nun seinen Namen kennen, ist vielleicht der letzte Teil seiner großen Inszenierung. Der Moment, in dem der Künstler die Bühne nicht mehr verlassen muss, um gehört zu werden.