Der markante Gasspeicher im Dresdner Stadtteil Reick ist Teil der kulturellen DNA der Stadt. Seit Yadegar Asisi das Panometer im Jahr 2006 erรถffnete, konnte man von der Besucherplattform aus einen Blick auf den Barock des Jahres 1756 werfen. Nach einem Bildwechsel war die Zerstรถrung 1945 zu sehen. Wenn man jetzt die Treppen hinaufsteigt, erlebt man das Great Barrier Reef.
Das Konzept war jahrelang ein faszinierendes Erlebnis. Ein gigantisches 360-Grad-Panorama, eine dichte Soundkulisse und die schiere Grรถรe, die einen beim Betreten des dunklen Runds erst einmal innehalten lรคsst, sorgten fรผr ein beeindruckendes Erlebnis. Doch bei der aktuellen Ausstellung โGreat Barrier Reefโ stellt sich zum ersten Mal ein Gefรผhl ein, das ich dort frรผher nicht kannte: Routine. Leider stellt sich auch eine gewisse technologische Ernรผchterung ein.
Die aktuelle Ausstellung fรผhrt uns an die Nordostkรผste Australiens. Auf einer Flรคche von rund 3.500 Quadratmetern entfaltet sich vor unseren Augen die Korallenwelt des Great Barrier Reefs im Pazifik. In einem tiefen, atmosphรคrischen Blau sehen wir die schillernde Pracht der Nesseltiere, Fischschwรคrme, die sich in den Korallenstรถcken verlieren, sowie das Spiel des Lichts, das von der Meeresoberflรคche bis in die Tiefe dringt. Begleitet wird dieses visuelle Erlebnis von einer Komposition von Eric Babak, die den meditativen Charakter der Unterwasserwelt unterstreichen soll. Wer Entschleunigung sucht, findet hier zweifellos einen Ort der Ruhe. Die Arbeit ist handwerklich ohne Frage brillant; die Detailtiefe, die Asisi durch die Kombination aus Tausenden Fotografien und digitaler Malerei erreicht, ist gewaltig.
Doch dieses Mal wiegt das โAberโ schwerer. Der ganz groรe Wow-Effekt will sich nicht mehr einstellen. Woran liegt das? Vielleicht liegt es daran, dass wir als Besucher in den letzten zwei Jahrzehnten visuell anspruchsvoller geworden sind. Als das Panometer erรถffnete, war die Idee eines riesigen Rundbildes sensationell. Heute, im Jahr 2026, leben wir in einer Zeit der Virtual Reality und hochauflรถsender, immersiver Kunstausstellungen, die weltweit neue Maรstรคbe setzen. Wenn man auf der Plattform steht und auf das Riff blickt, merkt man schnell: Die Grรถรe allein macht es nicht mehr aus. Es bleibt eine bedruckte Stoffbahn. So sehr das Licht auch zwischen Tag- und Nachtmodus wechselt und die Musik anschwillt, das Bild bleibt statisch. Es fehlt das Element der รberraschung, das uns wirklich glauben lรคsst, wir befรคnden uns unter Wasser.
Ein Meer lebt von Bewegung
Es wirkt fast so, als hรคtte man im Panometer die technologische Weiterentwicklung der letzten zehn Jahre schlichtweg verschlafen. Ich fragte mich unweigerlich: Warum gibt es keine Animationen? Wir verfรผgen schlieรlich รผber die Technik, um einzelne Bereiche des Panoramas durch dezente, hochauflรถsende Projektionen zum Leben zu erwecken. Stell dir vor, die Fischschwรคrme wรผrden nicht starr an der Wand kleben, sondern in sanften Bahnen an uns vorbeiziehen. Warum sehen wir nicht das feine Spiel von Lichtkringeln, die รผber den Meeresboden wandern, wenn sich oben die Wellen krรคuseln? Solche Akzente mรผssten das eigentliche Kunstwerk nicht ersetzen, kรถnnten es aber in die heutige Zeit heben. Die Technik dafรผr ist lรคngst vorhanden und wird in anderen Museen weltweit genutzt, um statische Inhalte in lebendige Welten zu verwandeln.
Ein รkosystem wie das Meer lebt besonders von seiner Dynamik. Das Wasser ist niemals still. Man sieht das sanfte Wiegen der Anemonen in der Strรถmung, das plรถtzliche Aufsteigen winziger Luftblasen und das flinke Huschen kleiner Rifffische. Ein Meer ohne Bewegung wirkt kรผnstlich. Ein statisches Bild eines Haifisches oder Rochens verliert in dieser monumentalen Grรถรe paradoxerweise an Kraft, da das Gehirn die fehlende Bewegung als unnatรผrlich registriert. Es wirkt dann eher wie ein gigantisches Foto in einem Sachbuch als wie eine lebensechte Begegnung.
Hier liegt das eigentliche Problem. Die Immersion entsteht heute nicht mehr allein durch die Skalierung. Sie entsteht durch Interaktion und das Gefรผhl von Leben. Im Panometer Dresden hingegen bleibt man passiver Betrachter einer sehr groรen, sehr schรถnen Fototapete.
Natรผrlich ist die pรคdagogische Arbeit in der Begleitausstellung zum Schutz der Ozeane wichtig und lobenswert. Aber der Kern der Marke โAsisiโ ist das Panorama selbst. Und genau hier fehlt der Mut zur Innovation. Man ruht sich ein Stรผck weit auf dem Erfolg der vergangenen 20 Jahre aus, wรคhrend die Welt der visuellen Kunst an Reick vorbeizieht. Fรผr Erstbesucher ist das Great Barrier Reef sicher immer noch ein imposanter Anblick. Doch fรผr alle, die das Panometer รผber die Jahre begleitet haben, fรผhlt es sich wie ein starrer Blick in die Vergangenheit an. Ein Meer, das nicht flieรen darf, verliert leider einen entscheidenden Teil seiner Magie.



Ein technisches Denkmal: So funktionierte der Gasspeicher
Trotz der Kritik am statischen Bild ist das Gebรคude selbst ein faszinierendes Zeugnis der Industriegeschichte. Das Panometer ist in einem ehemaligen Teleskop-Gasspeicher untergebracht, der Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Technisch gesehen ist es ein Meisterwerk der damaligen Ingenieurskunst. Um ein so gewaltiges Gebรคude dicht zu bekommen, nutzte man das sogenannte Glockenprinzip. Im Inneren des gemauerten Zylinders befand sich eine bewegliche Metallglocke, die in einem tiefen, ringfรถrmigen Wasserbecken, der sogenannten Wassertasse, schwamm.
Wenn Gas in den Speicher strรถmte, hob sich die Glocke durch den Innendruck an. Wurde Gas entnommen, sank sie durch ihr Eigengewicht wieder ab. Die Dichtigkeit wurde dabei allein durch das Wasser garantiert, in das der untere Rand der Glocke eintauchte. So konnte das Gas nicht nach auรen entweichen, ohne dass komplizierte Dichtungen aus Gummi oder Leder nรถtig waren. Die massiven Auรenwรคnde, die wir heute als Kulisse der Ausstellung sehen, dienten ursprรผnglich in erster Linie als Windschutz und zur Fรผhrung der auf- und abgleitenden Glocke sowie zur Stabilisierung des gesamten Systems. Diese industrielle Sachlichkeit bildet heute den beinahe sakral wirkenden Rahmen fรผr die monumentalen Naturbilder, auch wenn der Puls der Moderne innerhalb dieser Mauern derzeit etwas zu langsam schlรคgt.
Bilder: Danny Schreckenbach
Sound: Aleksandr Karabanov, Max Graf von Stark, OpenMusic


