Sieht man es Ihnen an?
Wer aufmerksam durch die Straßen geht, erkennt „political statements“ heute oft schon aus mehreren Metern Entfernung. Politische Einstellungen sind längst nicht mehr nur ein persönlicher Kompass im Kopf, sondern werden als sichtbare Markenzeichen am eigenen Körper getragen.
Auf der rechten Seite des Spektrums greift man dabei traditionell zu ganz bestimmten Marken und Symbolen. Ob Thor Steinar, Consdaple, Ansgar Aryan und Yakuza oder Marken wie Lonsdale und Fred Perry, die von der Szene immer wieder für eigene Codes vereinnahmt wurden. Die Kleidung dient hier oft als klar abgegrenzter Uniformersatz, der Zugehörigkeit und Haltung unmissverständlich nach außen signalisiert.
Auf der linken Seite zeigt sich das Statement meist eher im gesamten Stil und Habitus. Der Lagenlook aus Second-Hand-Klamotten, Oversized-Pullovern oder Kapuzenpullis wird kombiniert mit Palästinensertuch, Cargo-Hosen und der typischen Canvas-Tasche mit treffendem Aufdruck. Das übrige Outfit komplettiert diesen Look: Unkonventionelle Frisuren – vom Vokuhila über bunten Mullet und Dreads bis hin zum Undercut oder raspelkurzen Pixie – gehören ebenso dazu wie sichtbare Piercings oder auffällige Tattoos.
Auf den ersten Blick mag diese modische Kategorisierung vielleicht zum Schmunzeln verleiten. Doch sie offenbart einen tieferen, durchaus bedenklichen Trend: Meinungen und politische Sympathien definieren immer stärkere Teile des Charakters und das Erscheinungsbild eines Menschen. Die eigene Haltung wird zur Identität veredelt und wie eine Rüstung zur Schau gestellt, als Schutz nach innen und als kompromisslose Abwehr gegen jede andere Meinung nach außen.
In der Rüstung gefangen
Genau das macht den gesellschaftlichen Austausch heute so extrem kompliziert. Eine konstruktive Diskussion kann überhaupt nur dann funktionieren, wenn alle Beteiligten im Grundsatz bereit sind, ihre eigene Position zu hinterfragen und im Zweifel neu zu überdenken. Wenn man die eigene politische Haltung jedoch so unumstößlich und absolut sieht,dass man sogar den gesamten persönlichen Kleidungsstil danach ausrichtet, zementiert man sie regelrecht. Wer seine Meinung wie eine sichtbare Identität vor sich herträgt, macht ein Abrücken von Standpunkten fast unmöglich. Denn jede Relativierung fühlte sich dann wie ein Selbstverlust an. Das macht eine echte, ergebnisoffene Debatte von vornherein extrem schwer.
Und dann gibt es noch Menschen wie Frau Dr. Alice Weidel. Quasi ein wandelnder Widerspruch in sich selbst, bei dem das äußere Auftreten, die gewählte Lebensform und die vertretenen politischen Inhalte schlicht nicht zusammenpassen wollen. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Beitrag.
Quellenangaben
Grafik: Google Gemini
Sound: Aleksandr Karabanov, Alex Grohl

