Barcelona und die Wärme des katalanischen Herbsts

Ich habe in dieser Woche den warmen Sonnenschein in vollen Zügen genossen. Während ich diese Zeilen nun im trüben Dresden bei gerade einmal 10 Grad schreibe, vermisse ich Barcelona bereits schmerzlich. Die spanische Metropole hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht – allen voran durch ihr unerwartet sattes Grün. Blickt man vom berühmten Park Güell aus über das schier endlose Häusermeer, wirkt die Stadt auf den ersten Blick fast ein wenig trostlos und dicht verbaut. Doch sobald man in das Gewirr der Straßen eintaucht, zeigt sich ein völlig anderes Bild: Selbst in den kleinsten und engsten Gassen sind unzählige Bäume gepflanzt, die dem urbanen Raum eine angenehme Frische verleihen.

Architektur mit Tiefgang und Platz für Radwege

Auch die Architektur hebt sich spürbar von dem ab, was man aus deutschen Städten gewohnt ist. Mein persönlicher Eindruck war, dass die Häuserblöcke insgesamt viel breiter geschnitten sind. Wenn man gemütlich durch die Straßen bummelt, entdeckt man an jeder Ecke kleine Geschäfte. Zumindest wirken sie von außen so. Tritt man jedoch ein, stellt man schnell fest: Die Läden sind zwar schmal an der Front, ziehen sich aber unheimlich tief in das Gebäude hinein. Diese besondere Raumnutzung geht sogar so weit, dass man mitten in der Innenstadt ganze Autowerkstätten im Erdgeschoss von normalen Wohnhäusern findet.

Genau hier fügt sich plötzlich ein kleines Puzzleteil zusammen, das in Dresden bei Diskussionen über die Verbesserung des Fahrradverkehrs oft als Argument vorgeschoben wird. In Barcelona lässt sich eine Parkspur viel leichter streichen und in einen Radweg umwandeln, weil unzählige Wohnhäuser ihre eigenen Tiefgaragen oder Stellplätze direkt im Erdgeschoss integriert haben. Das schafft im öffentlichen Raum völlig andere Möglichkeiten und Freiheiten für die Verkehrsplanung.

Ansichtskarten aus Barcelona

Wo wir gerade gedanklich kurz in Dresden sind: Als Dresdner bin ich vom hiesigen Nahverkehrsangebot ja wirklich verwöhnt. Aber was in Barcelona auf die Beine gestellt wird, hat mich schlichtweg beeindruckt. Das Netz umfasst 12 U-Bahn-Linien, 6 Straßenbahnlinien, 108 Stadtbuslinien und 18 S-Bahn-Verbindungen. Das absolute Highlight ist jedoch der Preis: Das Monatsticket „T-usual“ schlägt mit gerade einmal 22,80 Euro zu Buche. Da muss sich das Deutschlandticket noch eine Scheibe von abschneiden. Auch beim Benzinpreis scheint die spanische Zentralregierung einiges besser zu machen als das, was unter unserer sogenannten Wirtschaftsministerin möglich ist – aber die trägt den Spitznamen „Miss Altöl“ wahrscheinlich auch nicht völlig ohne Grund. Der Preis für einen Liter Benzin lag in Barcelona jedenfalls bei absolut fairen ca. 1,74 Euro.

Spanische Gelassenheit und ein anderer Rhythmus

Im Alltag sind mir natürlich auch ein paar menschliche Eigenheiten aufgefallen. Gefühlt rauchen die Frauen in Barcelona deutlich mehr als bei uns. Davon abgesehen wirken die Menschen insgesamt aber wesentlich entspannter und gelassener.Sieht man einmal vom hektischen Straßenverkehr ab, der verlässlich von einem Dauerkonzert aus Hupen begleitet wird,läuft das Leben spürbar entschleunigter ab. Das zeigt sich nicht zuletzt am Tagesrhythmus, der um einige Stunden nach hinten verschoben ist. Wenn wir um 18:30 Uhr zum Abendessen gingen, waren wir fast immer die allerersten Gäste im Restaurant. Erst als wir satt und zufrieden wieder aufbrachen, trudelten langsam die ersten Einheimischen ein, um ihren Abend überhaupt erst zu beginnen.

Zu Beginn war es außerdem etwas gewöhnungsbedürftig, dass absolut alles zweisprachig ausgeschildert ist – auf Spanisch und auf Katalanisch. Wir haben scherzhaft darüber nachgedacht, wie das wohl in Dresden aussehen würde, wenn man alle Schilder doppelt anbringen müsste: einmal auf Standarddeutsch und einmal auf Sächsisch. Wobei man natürlich fair bleiben muss: Während das Sächsische „nur“ ein Dialekt ist, handelt es sich beim Katalanischen und Spanischen um zwei unterschiedliche, eigenständige Sprachen.

Barcelona hat auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Und während draußen der Dresdner Herbstnebel vorbeizieht, zehre ich noch ein bisschen von der katalanischen Wärme.


Quellenangaben

Grafik: vexels.com
Sound: Aleksandr Karabanov, Alejandro Piñero Amerio