Deutschland und das Sterben

Art. 5 • Mittwoch, 27. Februar 2020, 20:00 Uhr (Aschermittwoch)

Andreas Voßkuhle, Präsident Bundesverfassungsgericht, zur Urteilsbegründung:
Die (…) Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist (…) als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.

Das Bundesverfassungsgericht hat in einem Urteil das gesetzliche Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe als verfassungswidrig eingestuft. Und jetzt? Ich finde, dass die obersten Richter in Deutschland unsere Gesellschaft überfordern. Denn wir leben in einem Land ohne Tod.

Wann haben Sie sich das letzte Mal über Ihren Tod Gedanken gemacht?

Nicht, dass wir nicht sterben müssten. Doch welchen Raum hat das Sterben in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir mit dem Tod um? Ich finde, wir verdrängen dieses Thema. Selbst wenn alte Menschen in eine „Seniorenresidenz“ ziehen, wünschen wir ihnen dort noch ein langes Leben. Natürlich wünschen wir (zumindest die Meisten) dies im Wortsinn, aber wünschen wir dies nicht auch, um uns keine Gedanken um den letzten Tag machen zu müssen? Dabei wäre gerade dieser Umzug eine gute Gelegenheit: „Welche Wünsche hast Du an Deinen Sterbetag“?

Viele haben eine Patientenverfügung. Doch haben Sie mit Ihren Angehörigen schon mal intensiver über dieses Thema geredet, die Eventualitäten besprochen? Oder beschränkte sich der Vorgang doch nur auf das Ausdrucken und Unterschreiben eines Internetformulars?

Wie gehen wir mit Personen um, die freiwillig gehen wollen und dabei Hilfe suchen?

Auf den ersten Blick eine einfache Frage mit einer einfachen Antwort. Doch halt! Die Frage stellt sich nicht nur bei einem 95jährigen mit Streumetastasen im ganzen Körper. Was wollen wir einem 23jährigen antworten, dessen Herz vor Liebeskummer zerbrochen ist oder der 45jährigen, die gerade ihren Job verloren hat und sich nicht traut, es ihrer Familie zusagen? Auch diese haben das Recht zu sterben. Welche Antwort wollen wir aber als Gesellschaft geben?

Ich glaube in den letzten beiden Fällen, ist die notwendige Reaktion einfach. Wir müssen helfen und dafür stehen auch Möglichkeiten zur Verfügung. Doch im Fall des 95jährigen, des Schwerkranken? Auf den ersten Blick mag es auch hier eine simple Entscheidung sein. Doch lassen wir in unseren Gedanken mal das Alter weg. Wie gehen wir mit Schwerkranken um? Wann macht eine Krankheit ein Leben „beendenswert“? Außerdem sind da noch die Patienten, die entschieden haben, dass sie keinen Suizid begehen. Wie werden wir verhindern, dass sie nicht unter Druck geraten, aus welchen Gründen auch immer?

Viele Fragen, aber ich sehe noch nicht einmal den Anfang der notwendigen Diskussion in unserer Gesellschaft.

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