Das Amen und die Ernährung

In den USA formiert sich derzeit eine Allianz, die noch vor Kurzem als Parodie gegolten hätte. Es geht um Robert F. Kennedy Jr., JD Vance und die Frage, warum das Frühstücksei bald eine politische und vielleicht sogar religiöse Grundsatzentscheidung sein könnte.

Fangen wir mit RFK Jr. an. Sein Slogan lautet „MAHA“ (Make America Healthy Again). Kennedy spricht nicht wie ein typischer Gesundheitsminister über Statistiken. Er spricht vielmehr wie ein Prophet, der sein Volk aus der Wüste der hochverarbeiteten Lebensmittel führen will.

Der Kreuzzug gegen den Giftbecher

Sein Feindbild ist klar: Saatöle, Maissirup, künstliche Farbstoffe und die „korrupten” Behörden wie die FDA. Für Kennedy ist die moderne amerikanische Ernährung ein einziger Giftanschlag. Er will das Land „reinigen“. Das klingt im ersten Moment für viele, auch für Linke und Bio-Fans, verführerisch. Wer will schon Pestizide im Müsli? Bei RFK Jr. schwingt jedoch etwas Tieferes mit: die Sehnsucht nach einem ursprünglichen, unverfälschten Zustand. Der Körper soll wieder zu einem reinen Tempel werden, befreit von den „Sünden” der modernen Industrie. Gesundheit wird hier zur moralischen Pflicht erhoben.

Und genau hier schlagen wir den Bogen zu JD Vance. Während Kennedy den Körper reinigen will, möchte Vance die Seele der Nation „sanieren”. Vance steht intellektuell dem sogenannten „Catholic Integralism“ nahe.

Für alle, die diesen Begriff noch nicht kennen: Integralisten lehnen die liberale Trennung von Kirche und Staat ab. Sie sind der Meinung, dass der Staat die Aufgabe hat, die Menschen zu ihrem „höchsten Gut“ zu führen, das durch die katholische Lehre definiert wird. In dieser Weltanschauung gibt es keine neutrale Politik. Jedes Gesetz, jede Verordnung muss der göttlichen Ordnung dienen.

Wenn man Kennedy und Vance zusammenbringt, wird es interessant: Es ist überhaupt nicht überraschend, dass Gott plötzlich eine zentrale Rolle bei der Ernährung spielt. Wenn der Staat nämlich die Aufgabe hat, das „Gute“ durchzusetzen, dann ist ein gesunder, „reiner“ Körper die Grundvoraussetzung für einen gottesfürchtigen Bürger.

In der Weltanschauung der neuen US-Rechten verschmelzen Biologie und Theologie. Ein mit künstlichen Farbstoffen und Hormonen vollgepumptes Tier gilt als schwach, manipulierbar und unfähig, die „natürliche Ordnung“ zu erkennen, die Vance so am Herzen liegt. Die „Reinheit” auf dem Teller bereitet den Boden für die „Reinheit” im Gesetzbuch.

Dies ist der Moment, in dem die Ernährungspolitik ihre Unschuld verliert. Kennedy liefert die biologische Begründung für eine staatliche Kontrolle, die Vance politisch-religiös untermauert.

Wie weit ist Gilead?

Wenn Vance davon spricht, dass die Regierung Familien fördern und ein „tugendhaftes Leben“ erzwingen müsse, dann passt Kennedys Kampf gegen das Saatöl perfekt ins Bild. Es geht nicht mehr um die Freiheit, sich schlecht zu ernähren. Es geht um die staatliche Pflicht, die Bürger zu einer „richtigen“ Lebensweise zu erziehen, für die Gesundheit der Nation und zum Ruhme Gottes.

In dieser Allianz wird das Schnitzel zur moralischen Gewissensfrage. Wer gegen Kennedys Ernährungsregeln verstößt, schädigt demnach nicht nur seine Leber, sondern sündigt auch gegen die „natürliche Ordnung“, die ein integralistischer Staat schützen will. Der Staat wird zum Hirten, der nicht nur über das Gebetbuch, sondern auch über die Vorratskammer wacht.

Und damit kommen wir zu dem Bild, das sich bei dieser Kombination geradezu aufdrängt. Wer das Buch oder die Serie „The Handmaid’s Tale” („Der Report der Magd”) kennt, weiß, dass der Staat Gilead nicht über Nacht entstand. Er entstand aus einer Krise, einer Krise der Gesundheit, der Fruchtbarkeit und der Umwelt.

In Gilead ist alles „bio“. Es gibt keine Konservierungsstoffe, keine Pestizide, kein Plastik. Alles ist rein, alles ist natürlich und alles ist eine absolute Tyrannei. Die totale Kontrolle über den Körper der Frau und die Ernährung der Bevölkerung wird religiös legitimiert. Es ist die perfekte Verschmelzung von radikalem Öko-Purismus und fundamentalistischer Theokratie.

Wenn wir heute RFK Jr. über die „Entgiftung“ Amerikas reden hören und gleichzeitig J. D. Vance dabei zusehen, wie er die religiöse Unterwerfung des Staates vorbereitet, dann wirkt die Dystopie wie ein Strategiepapier.

Zum Abschluss fragen wir uns also ganz ironisch: Wie viele Staffeln von „The Handmaid’s Tale” trennen uns eigentlich noch von der Wirklichkeit? Befinden wir uns noch in den Rückblenden, in denen die Rechte schrittweise beschnitten werden, oder sind wir schon in der Pilotfolge von „Gilead: Die MAHA-Edition”?

Vielleicht sollten wir unseren Kaffee noch mit extra viel Zucker und künstlichem Aroma genießen, solange das noch ein Akt des politischen Widerstands ist und keine Blasphemie.