Lichterglanz und fehlende Substanz

In den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm trägt „Dornröschen“ die Nummer 50. Die Erzählung ist bereits seit der allerersten Auflage von 1812 enthalten und blieb bis zur berühmten „Ausgabe letzter Hand“ von 1857 fester Bestandteil. Wir haben das Märchen nun in einer modernen Interpretation als „Ballet of Lights“ im Dresdner Parkhotel gesehen.

Die Show, dargeboten von fünf Ballerinas und einem Danseur, bot schöne Momente. Die Idee, die Kostüme mit LEDs zu bestücken, sorgte zwar für kurzes Staunen, trug aber leider nicht durch den gesamten Abend. Ohne „Grimmsche“ Vorbildung hätte ich der Geschichte kaum folgen können, da schlichtweg essenzielle Requisiten fehlten. Weder die Spindel noch die symbolträchtige Dornenhecke fanden ihren Weg auf die Bühne, was der Handlung viel an Verständlichkeit raubte.

Im Märchen wird erzählt, dass es dreizehn weise Frauen gibt, aber nur zwölf güldene Teller vorhanden sind. Der König spricht deshalb eine Einladung nicht aus. Die daraus resultierende Enttäuschung führt zu jenem Todesfluch, den die geladenen Gäste nur noch in einen hundertjährigen Schlaf abmildern können. In diesem Zusammenhang blieb mir die Wahl der Lichtfarben ein Rätsel. Dass die guten Gabenbringerinnen in reinem Weiß erscheinen, ist schlüssig. Doch die Wahl von „Grün“ für die böse Fee wirkte deplatziert – ist Grün doch bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Ein giftiges Lila oder ein tiefes Rot hätte hier weitaus besser gepasst.

Auch die technische Umsetzung der LEDs blieb hinter ihren Möglichkeiten zurück. Statt eines bloßen Dauerlichts hätte ich mir dynamische Effekte gewünscht: Ein bedrohliches Pulsieren während des Fluches oder ein langsames Verglühen der Lichter, während Dornröschen in den Tiefschlaf sinkt. Zudem hätte der Tänzer, der sowohl den Vater als auch den Prinzen verkörperte, eine optische Differenzierung verdient. Ohne Kostümwechsel verschwammen diese so unterschiedlichen Rollen leider komplett.

Ähnlich wie das Ballett will auch der Ballsaal im Parkhotel viel. Die alte Pracht ist zwar noch zu erkennen, doch auch hier zeigen sich Parallelen zur Inszenierung: Während ich mir für das Stück mehr erzählerische Tiefe gewünscht hätte, sollte für die Räumlichkeiten dringend mal wieder Farbe in die Hand genommen werden – der Putz bröckelt an mehreren Stellen bereits deutlich.

Es gibt eine ältere, etwas grausamere Fassung von Dornröschen, die vom Franzosen Charles Perrault stammt und den Titel „Die schlafende Schöne im Wald“ trägt. Während das Ballett zumindest den Versuch des Aufwachens unternimmt, träumt das Parkhotel leider noch tief und fest.


Bilder: balletoflights.com (Ballerina aus Dornröschen) pngtree.com (Sterne)
Podcast: Muzaproduction (Intro), Dmitrii Kolesnikov (Hintergrundmusik)