Die Macht von Grayskull und ein würdiges Gefäß für Verständnis, Empathie und Menschlichkeit


Ein Blick zurück: Nostalgie trifft auf moderne Technik

Erinnert ihr euch noch an das wohlige Gefühl, das man Ende der 80er-Jahre hatte, wenn man nach der Schule den Fernseher eingeschaltet hat? Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie die originale Zeichentrickserie damals im Fernsehen lief. Es war auf dem Sender Tele 5, eingebettet in das unvergessliche Nachmittagsprogramm von „Bim Bam Bino“. Wenn ich ganz tief in meinen Erinnerungen grabe, sehe ich die bullige Figur noch vor mir und natürlich diese eine, absolut typische Bewegung. He-Man reckt das Zauberschwert gen Himmel und ruft den Satz, der sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt hat: „Bei der Macht von Grayskull!“

Aber wenn ich ehrlich bin, hört es da mit den Details auch schon auf. Die genauen Handlungsstränge, die Namen der unzähligen Nebenfiguren oder die tiefgründige Hintergrundgeschichte von Eternia? Längst verblasst. Umso gespannter war ich, als die Nachricht von einer brandneuen, gigantischen Realverfilmung von „He-Man“ die Runde machte: „Masters of the Universe.“ Ich fand die Idee von Anfang an richtig gut, mal zu sehen, was die modernste Computertechnik mit all ihren heutigen, schier unbegrenzten Möglichkeiten aus dieser alten Spielzeug-Story herausholt. Und was soll ich sagen? Die visuelle Kraft und die Tricktechnik haben sich in den letzten Jahrzehnten wirklich atemberaubend entwickelt.

Ein Prinz im Großraumbüro: Der etwas andere Einstieg

Das größte erzählerische Wagnis des Films ist gleichzeitig sein cleverster Schachzug: Der Einstieg bricht nämlich komplett mit den Erwartungen. Anstatt uns sofort in eine sterile CGI-Schlacht auf einem fremden Planeten zu werfen, verbringen wir die erste Hälfte des Films auf der Erde. Unser gestrandeter Prinz Adam, gespielt von Nicholas Galitzine, wächst ohne seine magischen Kräfte auf und muss sich mit einem ganz normalen Alltag herumschlagen. Er arbeitet in der Personalabteilung einer Firma in Oklahoma. Ich fand diesen Teil auf der Erde und in der Personalabteilung sehr gelungen. Es ist ein völlig anderer, herrlich unverbrauchter Ansatz für eine klassische Heldenreise.

Anstatt mit dem Schwert zu kämpfen, lernt Adam hier über fünfzehn Jahre hinweg, Konflikte mit Worten zu deeskalieren, zuzuhören und Empathie zu zeigen. So wird das Großraumbüro unfreiwillig zum perfekten Trainingslager für einen modernen, reflektierten Anführer. Wenn die Handlung schließlich nach Eternia verlagert wird, zündet der Film ein wahres Unterhaltungsfeuerwerk. Die Geschichte ist insgesamt äußerst kurzweilig und packend inszeniert. Ich habe zwischendurch tatsächlich auf die Uhr gesehen und war überrascht, dass schon 90 Minuten vergangen waren, ohne dass Langeweile aufgekommen wäre.

Der Sound der 80er: Vom melancholischen Piano zum Popcorn-Kino

Ein ganz großes Highlight des Films ist der Umgang mit der Musik und dem nostalgischen Erbe der 80er-Jahre. Besonders gut hat mir der Einsatz des Songs „Boys Don’t Cry” von The Cure gefallen. Der 1979 erschienene Song, der aber erst durch das US-Album von 1980 zum weltweiten Kulthit wurde, untermalt eine wunderschöne, ruhige Szene auf der Erde. Das Stück wird sanft auf dem Klavier interpretiert und fängt Adams tiefe Einsamkeit und Sehnsucht nach seiner Heimat perfekt ein.

Zusammen mit dem restlichen Score von Daniel Pemberton, der komplett auf nostalgische Oldschool-Synthesizer und kernige E-Gitarren setzt – hierfür wurde Queen-Gitarrist Brian May ins Studio geholt –, klingt der Film wie eine handgemachte Liebeserklärung an dieses bunte Jahrzehnt. Doch wo viel Licht ist, zeigt das Blockbuster-Kino auch seine modernen Schwächen. So hat mich der Einsatz eines anderen monumentalen Queen-Klassikers ein wenig zwiegespalten zurückgelassen.

Wenn in einer der größten Actionszenen des Films plötzlich „Princes of the Universe” aus den Boxen dröhnt, ist das im ersten Moment natürlich purer, energetischer Treibstoff. Der Song wurde ursprünglich 1986 von Freddie Mercury für den ersten Highlander-Kinofilm mit Christopher Lambert geschrieben und später als Intro für die Kult-TV-Serie genutzt. Im neuen He-Man-Film wird das Lied nun jedoch mit einem Film neu verknüpft, in der Adam von den irdischen Charakteren scherzhaft gefragt wird, welcher Superheld er eigentlich sein soll.

Genau in dieser Kombination zeigt sich für mich aber auch die Beliebigkeit des modernen Popcorn-Kinos. Es wirkt fast so, als würde man die großen, heiligen Hymnen der Popkultur heute einfach wahllos von einem Franchise zum nächsten weiterreichen, solange es irgendwie cool klingt. Dadurch verliert das Lied ein bisschen von seiner ursprünglichen, mystischen Identität und wird zu einem austauschbaren Werkzeug.

Starke Darsteller und lockere Sprüche: Humor mit Augenzwinkern

Das macht der Film auf schauspielerischer Ebene zum Glück aber dreifach wieder wett. Besonders gut hat mir gefallen, wie die beiden Hauptdarsteller ihre Rollen interpretiert haben. Nicholas Galitzine verleiht Adam eine wunderbare Mischung aus physischer Wucht und emotionaler Nahbarkeit, während Jared Leto als Skeletor mit sichtlichem Spaß die reine Boshaftigkeit verkörpert.

Was den Film aber so richtig sympathisch macht, ist der immense Raum, der für „flotte, despektierliche Sprüche“ geschaffen wurde. Die Charaktere nehmen sich gegenseitig wunderbar auf die Schippe. Diese humorvolle Meta-Ebene zeigt, dass sich die Show auf unheimlich unterhaltsame Art selbst nicht zu ernst nimmt. Man schämt sich nicht für die Albernheit von Männern in bunten Rüstungen, sondern feiert sie mit einem Augenzwinkern.

Eine Verbeugung vor der Vergangenheit: Orkos Moral

Ein echtes Geschenk für das ältere Publikum im Kinosaal ist zudem die großartige Hommage an den Realfilm aus dem Jahr 1987, in dem Action-Ikone Dolph Lundgren den He-Man spielte. Der Film floppte damals zwar kommerziell, genießt heute in der Retro-Blase aber absoluten Kultstatus. Im neuen Film schließt sich der Kreis: Während Adams Zeit auf der Erde hat Lundgren einen genialen Cameo-Auftritt als gealterter, weiser Bodybuilder in einem Fitnessstudio. Er gibt dem jungen Adam nicht nur wertvolle Tipps für das innere Gleichgewicht, sondern verabschiedet sich auch mit einer vertrauten Geste und den legendären Worten: „Good journey, Kid.“ Eine wunderschöne, respektvolle Stabübergabe zwischen den Generationen.

Am Ende schlägt der Film sogar die Brücke zurück zu seinen Wurzeln im Samstagmorgenprogramm. In den Post-Credit-Szenen gibt es ein Wiedersehen mit dem kleinen Trollan-Magier Orko, der uns, genau wie in den alten Zeichentrick-Episoden, die klassische „Moral von der Geschicht” präsentiert. Orko spricht hier über das Zusammenspiel von Zusammenhalt, Wahrheit und echter Größe.

Während er das ausführlich erklärt, musste ich unwillkürlich schmunzeln und dachte mir: Über genau diese Worte von Orko könnte die „wütende Orange“ da drüben im politischen Amerika mal ganz tief nachdenken. Ja, auch ich vergebe beim Blick auf das aktuelle Weltgeschehen gerne mal treffende „Rollen-Namen“. Das ist aber insgesamt ein ganz anderes Thema, das uns bei BehindBlueEyes.de sicher – oder besser gesagt: leider – noch oft beschäftigen wird. 

Fazit: Ein rundes Abenteuer

Unterm Strich ist Travis Knight ein durchweg fröhlicher und charmanter Film gelungen, der auf erstaunlich vielen Ebenen gut unterhält. Stellenweise fühlte es sich durch die Handlungsführung, den unverkrampften Humor und die detailverliebten, farbenfrohen Szenenbilder wie ein „guter alter Star-Wars-Film“ aus der klassischen Epoche an. Es ist ein rundes, in sich geschlossenes Abenteuer, das eigentlich keine Fortsetzung bräuchte, wenngleich diese mit den Teasern zu She-Ra und der Wilden Horde in den darauffolgenden Abspannszenen natürlich strategisch angelegt ist.

Ich für meinen Teil würde mich im Moment sogar viel eher auf weitere, bodenständigere Filme mit dem talentierten Nicholas Galitzine freuen, insbesondere auf eine Fortsetzung seines Romantik-Hits „Royal Blue“, als auf einen zweiten Eternia-Ausflug. Denn er hat bewiesen, dass er sowohl das ganz große Drama als auch das Popcorn-Kino meisterhaft beherrscht.

Mit dieser Mischung entlässt uns dieser Ausflug nach Eternia mit einem fetten Grinsen zurück in unsere Realität. So schön die Magie von Castle Grayskull auch ist, spätestens am Montag wartet leider kein Zauberschwert auf uns, sondern das Großraumbüro, das Prince Adam zu Beginn des Films so meisterhaft ertragen hat. Nehmen wir uns für die kommenden Tage also ein Beispiel an seiner unerschütterlichen Gelassenheit, klappen die Laptops auf, denken an He-Man und sagen uns: „Und jetzt gehen wir alle wieder arbeiten, um die Miete zu zahlen, und zählen die Tage bis zum nächsten Wochenende!“