Abschied vom Vollmond, Sonnenaufgang und das liebe Borstenvieh

Als ich heute Morgen den Vollmond verabschiedete und die Sonne aufging, wurde schon deutlich, dass es ein schöner Tag werden würde, auch wenn es noch sehr kalt war. Die Luft war so klar, dass man beim Einatmen das Gefühl hatte, sie würde klirren. Es war ein perfekter Moment, wäre da nicht diese beißende Kälte gewesen, die einen dazu brachte, den Schal noch enger zu ziehen. Während ich so dastand und das Farbspiel am Horizont beobachtete, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Warum „saukalt“ oder „schweinekalt“? Was hat das Borstenvieh eigentlich mit den Temperaturen zu tun?

Man sollte meinen, dass uns beim Gedanken an extreme Kälte eher Eisbären, Pinguine oder vielleicht der sibirische Tiger in den Sinn kommen. An Tiere also, die im ewigen Eis zu Hause sind. Stattdessen landen wir beim Hausschwein. Das klingt im ersten Moment fast schon beleidigend für das arme Tier, hat aber handfeste historische und biologische Gründe.

Die Schlachtsaison

Der wichtigste Grund für diesen Begriff liegt in einer Zeit weit vor Gefrierschränken. Früher fand die Hausschlachtung klassischerweise im Winter statt. Damit das Fleisch während der Verarbeitung nicht verdarb, war man auf die natürliche Kühlung durch Mutter Natur angewiesen. Wenn die Temperaturen in den Keller rasselten und das Wasser in den Tränken gefror, hieß es auf den Höfen: „Heute wird geschlachtet!”

Es musste also wirklich klirrend kalt sein, damit das Schweinefleisch haltbar blieb. Die Verbindung zwischen dem Schwein und dem Frost war also eine rein praktische Notwendigkeit. Wenn es „schweinekalt“ war, war es die perfekte Zeit für die Wurstproduktion.

Ein Tier ohne Wintermantel

Ein weiterer Grund ist die Biologie der Schweine selbst. Wir assoziieren Schweine oft mit ihrer dicken Speckschicht und glauben, dass sie dadurch bestens gegen alles gewappnet sind. Doch das täuscht. Im Gegensatz zu Schafen mit ihrer Wolle oder Hunden mit ihrem dichten Winterfell sind Schweine fast nackt. Ihre Borsten bieten kaum Schutz gegen eisigen Wind.

Schweine sind extrem kälteempfindlich. Wenn die Temperaturen sinken, leiden sie sichtbar. Sie drängen sich im Stall dicht aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Ein Wetter, bei dem selbst das robust wirkende Borstenvieh anfängt zu zittern, ist eben – im wahrsten Sinne des Wortes – schweinekalt.

Das Schwein als sprachlicher Turbo

Neben Geschichte und Biologie spielt auch die Linguistik eine entscheidende Rolle, denn im Deutschen haben wir eine fast schon leidenschaftliche Vorliebe dafür, Tiernamen als „Verstärker“ zu zweckentfremden. Linguisten sprechen hierbei vom sogenannten Augmentativ-Präfix. Dabei muss das Schwein – oder wahlweise die Sau – für so ziemlich alles herhalten, was das normale Maß sprengt.

Das Besondere an diesem sprachlichen Turbo ist, dass er in beide Richtungen hervorragend funktioniert. Er untermalt das Negative, wie wir es von „saukalt“ oder „hundemüde“ kennen, wirkt aber ebenso gut als positiver Verstärker bei Begriffen wie „Schweineglück“, „saugut“ oder „bärenstark“. Letztlich dient uns das Borstenvieh in der Sprache also als Symbol für das Extreme und Ungebändigte. Wenn wir also fluchen, es sei „saukalt“, dann meinen wir weit mehr als nur eine nüchterne Zahl auf dem Thermometer – wir beschreiben ein Gefühl, das uns bis in die Knochen fährt.

Auch wenn das Borstenvieh uns den Namen für die frostigen Temperaturen geliehen hat, hat diese Kälte doch etwas Magisches, wie der Sonnenaufgang heute Morgen bewiesen hat. Sie sorgt für eine unnachahmliche Klarheit in der Luft, die wir schon bald im Sommer oft vermissen werden.