Der Herr Bundeskanzler und die Work-Life-Balance

Warum macht Friedrich Merz so lang Urlaub? Wir müssen das einmal gemeinsam durchdenken, damit wir nächste Woche nicht überrascht sind.

Hier sitze ich, schlage die Nachrichten auf und frage mich ernsthaft: Wo genau steckt eigentlich unser Bundeskanzler? Ihr wisst schon, der Mann, der uns noch vor Kurzem voller Inbrunst erklärte, dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand unseres Landes nicht zu halten sei. Der Mann, der uns unermüdlich einbläut: Wir müssen alle wieder mehr arbeiten!

Genau dieser Friedrich Merz hat sich nun in den Tegernseer Sommer verabschiedet. Nicht für ein verlängertes Wochenende, nicht für zwei entspannte Wochen – nein, insgesamt volle vier Wochen Auszeit stehen auf dem Programm. Laut Nachrichtenagenturen hat der Kanzler seinen Urlaub eigenhändig um eine weitere Woche bis zum 26. August verlängert.

Da reibt man sich doch verwundert die Augen. Zumal im Land keineswegs sommerliche Friedhofsruhe herrscht. Während der Kanzler die Beine hochlegt, brennen in Nordrhein-Westfalen die historisch größten Waldbrände inklusive Evakuierungen ganzer Gemeinden. Am Leipziger Flughafen gab es den ersten Angriff einer Sprengstoffdrohne auf deutschem Boden. Der Rhein meldet Rekordtiefstände und belastet die Wirtschaft massiv. Und währenddessen versucht Björn Höcke ungehindert, die politische Landschaft im Osten völlig neu zu zimmern.

Man möchte Herrn Merz glatt an seine eigenen Worte aus dem Jahr 2020 erinnern. Seine eigene Arbeitsleistung lässt in diesem heißen Sommer jedenfalls gewaltig zu wünschen übrig.

Der Realitäts-Check: Merkel vs. Merz

Zum Vergleich: Wie handhabte das eigentlich seine Vorgängerin? Angela Merkel, die über 16 Jahre hinweg als Dauerbrennerin im Kanzleramt galt, gönnte sich in der Regel nie mehr als zwei bis höchstens drei Wochen Sommerurlaub, meistens beim Wandern in Südtirol oder beim Opernbesuch in Bayreuth. Selbst in den schwersten Krisenjahren blieb die Formel klar: Erholung ja, aber dosiert und stets auf dem Sprung zurück nach Berlin. Vier Wochen Stürmen am Stück? Unter Merkel schlicht unvorstellbar.

Nun könnte man das Ganze zynisch als gewöhnliche Doppelmoral abtun: Wasser predigen, aber selbst den feinsten Wein am Tegernsee genießen. Doch wer an dieser Stelle aufhört zu denken, verpasst den eigentlichen Clou.

Merz mag unempathisch oder unsensibel wirken, aber doof ist er sicher nicht. Erst recht mangelt es ihm nicht an Machtbewusstsein. Er weiß ganz genau, wie verheerend diese vierwöchige Abwesenheit in der Öffentlichkeit ankommt. Er weiß, wie beißend die Kritik wird und wie sehr er damit seine letzten Unterstützer vor Kopf stößt. Telefon, Internet und gesicherte Videokonferenzen sind schließlich längst erfunden; eine stillschweigende Urlaubsverlängerung hätte im politischen Berlin kaum jemand bemerkt. Aber Merz entscheidet sich bewusst für die offizielle Ankündigung und heizt die Spekulationen damit erst recht an. Er kauft sich diese eine zusätzliche Woche extrem teuer ein.

Kanzlerdämmerung am Tegernsee?

Die entscheidende Frage lautet also: Für welchen Gewinn tut er das? Was steckt hinter diesem Manöver? Lass uns das einmal gemeinsam durchdenken, damit wir nächste Woche nicht völlig überrascht werden.

  • Szenario 1: Gesundheitliche Gründe.
    Sollte dem so sein, gilt natürlich ohne Vorbehalte: Gute Besserung! Dann taucht er nächste Woche wieder auf und die Regierungsmaschine läuft weiter wie bisher.
  • Szenario 2: Die große Politikwende.
    Träumen wird man ja noch dürfen: Vielleicht sitzt er am Tegernsee über Entwürfen für eine echte, zukunftsweisende Energie- und Wirtschaftspolitik und plant das große Reinemachen im Kabinett,
  • Szenario 3: Die Kanzlerdämmerung.
    Das verlockendste, aber auch gefährlichste Szenario. Könnte es sein, dass Merz schlicht am Ende ist? Die ununterbrochene Kritik, gepaart mit vernichtenden Umfragewerten – 87 Prozent der Bevölkerung sind mit seiner Politik unzufrieden –, haben ihn womöglich mürbe gemacht. Wenn der Rückhalt in der eigenen Partei schwindet, geht es für die CDU um die reine Existenz: Halbiert sich ihr Stimmenanteil, halbiert sich auch die Zahl der Posten, der Mitarbeiter und der Macht. Es pfeifen bereits die Spatzen von den Dächern, dass der Druck aus den eigenen Reihen wächst und man ihn zum Rücktritt drängt. Wie weit ist diese Kanzlerdämmerung also schon fortgeschritten? Stehen wir unmittelbar vor dem Kollaps der Führung?

Was passiert, wenn der Damm bricht?

Für Merz persönlich wäre ein Scheitern in seinem lang ersehnten Traumjob die größte Niederlage seines Lebens. Für das Land aber wirft das eine viel brisantere Frage auf: Was passiert, wenn Merz tatsächlich geht?

Die AfD würde sofort lautstark Neuwahlen fordern und das Ausbleiben derselben als undemokratisch brandmarken. Argumentativ hätte man dem kaum etwas entgegenzusetzen, außer dem juristischen Fakt, dass Neuwahlen verfassungsrechtlich kein Automatismus sind. Und wer stünde in der CDU bereit? Daniel Günther oder Hendrik Wüst aus dem moderateren Lager? Jens Spahn, der erst einmal seine letzten Skandale vergessen machen müsste? Carsten Linnemann, Mario Voigt oder erleben wir am Ende gar Markus Söder als ersten CSU-Kanzler?

Eines ist sicher: Ein personeller Wechsel an der Spitze garantiert noch lange keinen Kurswechsel. Es ist gut möglich, dass wir ungebremst auf vorzeitige Neuwahlen zusteuern. Und wenn das passiert, braucht das progressive Lager – SPD, Grüne, Linke – verdammt noch mal ein attraktives, durchgerechnetes und mitreißendes Zielbild. Liebe Koalitions- und Oppositionsparteien links der Mitte: Nehmt euch jetzt bitte eine Woche Urlaub, setzt euch zusammen und hackt diesen Plan aus! Denn ansonsten blüht uns am Ende ein schwarz-blaues oder blau-schwarzes Bündnis. Und wir müssen nun wirklich nicht jeden Scheiß ausprobieren, um ganz sicher zu sein, dass es Scheiße ist.


Quellenangaben

Bilder: Stefan Schweihofer, BMWK
Sound: Aleksandr Karabanov, Ievgen Poltavskyi