Der politische Boxring und ein gezielter rechter Leberhaken

Björn Höcke schlägt mit einem Angebot an Sahra Wagenknecht an mehreren politischen Fronten gleichzeitig zu. Ein Lehrstück klassischer politischer Intrigen und Winkelzüge.

Es wirkt im ersten Moment wie der große, überraschende Coup auf der offenen politischen Bühne. In einem über die Plattform X verbreiteten Video wendet sich der Thüringer AfD-Landes- und Fraktionschef Björn Höcke mit einer schier unglaublichen Offerte direkt an die Gründerin des Bündnisses Sahra Wagenknecht.

Während er das BSW in Thüringen scharf als jüngste Kartellpartei attackiert, erklärt er im selben Atemzug, eine tatsächliche Veränderung könne es nur geben, wenn Wagenknecht selbst im Freistaat die Macht übernehme. „Werden Sie Ministerpräsidentin des Freistaats Thüringen“, fordert Höcke darin unverblümt und schiebt direkt hinterher „Ich reiche Ihnen die Hand.“ Der Terminierung wohnt dabei eine ganz besondere Dramaturgie inne. Höcke fordert Wagenknecht auf, noch vor der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September Nägel mit Köpfen zu machen und mit diesem Schritt „ein neues Kapitel in der Parteiengeschichte der Bundesrepublik Deutschland“ aufzuschlagen. Ein Paukenschlag im sommerlichen Politikbetrieb, der auf den ersten Blick wie ein großzügiges Friedensangebot daherkommt. Doch wer den politischen Boxring kennt, weiß folgendes. Was wie eine ausgestreckte Hand aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen oft als Wirkungstreffer, als ein gezielter, rechter Leberhaken.

Der Schein trügt: Eine Hand wäscht die andere?

Auf den ersten Blick erinnert das Ganze an das altbekannte politische Tauschgeschäft nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Die AfD bietet dem BSW in Erfurt den Spitzenposten an und erbringt damit eine massive politische Vorleistung. Im Gegenzug erhofft man sich in Magdeburg freie Bahn. Dort möchte die AfD ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund im Chefsessel der Staatskanzlei installieren. Hatte Wagenknecht im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt nicht selbst angedeutet, ein AfD-Ministerpräsident sei unter Umständen denkbar oder zumindest nicht um jeden Preis zu verhindern? Höckes Manöver wirkt daher auf den flüchtigen Betrachter wie der Versuch, die BSW-Chefstrategin beim Wort zu nehmen und die Machtverhältnisse im Osten mit einem kühnen Doppelpass komplett neu zu ordnen.

Genauer hingeschaut: Das kalkulierte Chaos im BSW

Aber man muss eben genauer hinschauen, um die eigentliche Raffinesse und die doppelte Stoßrichtung dieses Manövers zu durchschauen.

Erstens stiftet Höcke mit diesem Vorstoß maximale Unruhe innerhalb des BSW selbst, allen voran in Thüringen. Die Thüringer BSW-Landespartei, die sich mühsam in einer Brombeer-Koalition mit CDU und SPD eingerichtet hat, befindet sich ohnehin im ständigen Spagat zwischen den bundespolitischen Vorgaben aus Berlin und der Realpolitik in Erfurt. Der Vorstoß aus dem AfD-Lager trifft dort auf eine Partei, die in Thüringen keineswegs geschlossen auf der Linie von Sahra Wagenknecht liegt. Wenn die Parteigründerin aus Berlin eine solche Offerte kommentiert oder gar abwägt, bringt das die Thüringer Landtagsfraktion vor Ort in erhebliche Erklärungsnot und reißt alte Gräben zwischen der Erfurter Basis und der Berliner Parteispitze tief wieder auf.

Das eigentliche Ziel: Sachsen-Anhalt und die absolute Mehrheit

Der zweite und weitaus wichtigere Punkt richtet sich jedoch direkt an die Wählerschaft in Sachsen-Anhalt. Den Strategen um Höcke war von der ersten Sekunde an vollkommen klar, dass Sahra Wagenknecht das Angebot, sich von Höckes Gnaden zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen, niemals annehmen würde. Wagenknecht lehnt ab, wie zu erwarten war. Und genau hier schnappt die Falle zu.

Durch die kalkulierte Ablehnung des BSW kann die AfD den Wählern in Sachsen-Anhalt kurz vor der Wahl am 6. September demonstrieren, dass das BSW keine echte Alternative zur Alternative ist. Ab sofort lautet das Narrativ: Wer BSW wählt, wählt im Zweifel doch nur die Fortsetzung des bisherigen Zustands, weil die Wagenknecht-Partei der AfD eben nicht zum historischen Machtwechsel verhelfen will. Damit wird das BSW für all jene Enttäuschten unwählbar, die auf eine radikale Wende im Osten gehofft hatten. Und die AfD sendet eine unmissverständliche Botschaft an die Wählerschaft. „Wenn ihr die Veränderung wirklich wollt, müsst ihr uns die absolute Mehrheit geben, denn auf BSW und Co. ist kein Verlass.” In der Führung der AfD will man sich schließlich ohnehin am liebsten gar nicht erst in die lästige Abhängigkeit eines unberechenbaren Partners wie des BSW begeben.

Björn Höcke: Ränkespiele eines gelernten Parteistaats-Akteurs

Wir sehen hier also ein Lehrstück klassischer politischer Intrigen und Winkelzüge. Das kommt allerdings keineswegs überraschend, wenn man den Absender betrachtet. Björn Höcke ist längst kein parlamentarischer Quereinsteiger oder politikferner Rebelle mehr. Seit der Gründung des thüringischen Landesverbandes im August 2013 steht er als Landesvorsitzender an dessen Spitze, seit 2014 führt er die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag ununterbrochen an. Über dreizehn Jahre hinweg hat der ehemalige Gymnasiallehrer im Zentrum der Parteimacht geamtet, Strippen gezogen und als langjähriger Wortführer des völkisch-nationalistischen „Flügels“ das politische Handwerk der Taktik, der Provokation und der Verunsicherung von Gegnern perfektioniert. Höcke beherrscht die Klaviatur der klassischen Parteien-Intrige wie kaum ein zweiter Profipolitiker in Deutschland.

Das scheinbare Friedensangebot war somit nie als ernsthafte Koalitionseinladung gedacht, sondern als kaltschnäuzig berechneter Schachzug. Ein optischer Handschlag, der in Wahrheit ein gezielter Haken war, ausgeteilt gegen das BSW, um die eigenen Machtansprüche in Mitteldeutschland unanfechtbar zu zementieren.


Quellenangaben

Bilder: Harut Movsisyan
Sound: Aleksandr Karabanov, Paul Yudin