Alte Kunst und moderne Entspannung

Der Blick zurück auf eine alte Methode

Es gibt Tage, da betritt eine Kollegin das Büro, greift sich kurz an den Nacken und erzählt mit einer Mischung aus Erleichterung und Respekt, dass sie gestern geschröpft wurde. Ein Satz, der im ersten Moment vielleicht nach einer mittelalterlichen Prozedur klingt, und ganz unrecht hat man damit nicht einmal. Wer die typischen, kreisrunden, tiefroten bis violetten Abdrücke schon einmal auf dem Rücken von Sportlern oder Bekannten gesehen hat, fragt sich unweigerlich, was genau da eigentlich auf der Haut passiert, warum man sich das freiwillig antut und vor allem, wie das funktioniert.

Das Prinzip des Schröpfens ist erstaunlich alt und verblüffend simpel. Schon in den Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens und Chinas setzte man auf die kleine Glaskunst, um Beschwerden zu lindern. Im Grunde genommen handelt es sich um ein tradiertes Naturheilverfahren, das auf einem einfachen physikalischen Effekt beruht, nämlich auf dem Unterdruck. Anstatt wie bei einer klassischen Massage Druck auf das Gewebe auszuüben, zieht das Schröpfen die Haut und das darunterliegende Gewebe nach oben.

Die Mechanik hinter dem Unterdruck

Um diesen Sog zu erzeugen, setzt die behandelnde Person kleine Hohlkörper meist aus Glas, Silikon oder Kunststoff auf die Haut. Früher wurde die Luft im Inneren der Gläser kurz mit einer kleinen Flamme erhitzt. Wenn sich die abgekühlte Luft auf der Haut wieder zusammenzieht, entsteht der gewünschte Effekt und die Haut wird angesaugt. Heute nutzt man dafür meist praktische Handpumpen oder flexible Silikonköpfe.

Doch was bewirkt dieser Effekt im Gewebe? Durch den Unterdruck wird die Blut- und Lymphzirkulation im behandelten Areal schlagartig extrem angeregt. Die Haut dehnt sich, die kleinen Blutgefäße weiten sich stark und es kann sogar zu gewollten, winzigen Blutaustritten im Gewebe kommen. Genau das sind die charakteristischen kreisrunden Flecken, die ein wenig wie übergroße Knutschflecke aussehen.

Wie der Reiz im Körper wirkt

Diese mechanische Reizung setzt im Körper eine ganze Kette von Reaktionen in Gang. Zum einen führt die intensive Durchblutung dazu, dass das Gewebe stark mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Verklebte Faszien, also das Bindegewebe, das unsere Muskeln umhüllt, können sich durch den Zug voneinander lösen. Tief sitzende Muskelverspannungen, besonders im Schulter- und Rückenbereich, werden dadurch spürbar gelockert. Zum anderen hilft der gesteigerte Lymphfluss dabei, Stoffwechselendprodukte schneller aus dem Gewebe abzutransportieren.

Zusätzlich nutzt man dabei Schmerzreflexe. Nach den Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin und auch der westlichen Reflexzonentherapie stehen bestimmte Hautareale am Rücken über Nervenbahnen in direkter Verbindung mit inneren Organen. Ein Reiz auf der Haut kann somit reflektorisch auch tiefere Strukturen oder das vegetative Nervensystem positiv beeinflussen.

Unterschiedliche Techniken für verschiedene Bedürfnisse

In der Praxis unterscheidet man meist drei verschiedene Formen. Beim trockenen Schröpfen werden die Gläser auf unversehrte Haut gesetzt und verbleiben dort für einige Minuten auf festgelegten Schmerz- oder Reflexpunkten. Bei der Schröpfkopfmassage wird die Haut vorher eingeölt und das angesaugte Glas langsam über den Rücken bewegt, was eine extrem intensive Erfahrung für die Faszien ist. Eine weitere Variante ist das blutige Schröpfen, bei dem die Haut vor dem Aufsetzen leicht angeritzt wird, um gestautes Blut gezielt abzuleiten. Dies gehört allerdings ausschließlich in erfahrene, medizinische Hände.

Auch wenn die bunten Kreise auf dem Rücken im ersten Moment gewöhnungsbedürftig aussehen und die Stellen ein paar Tage wie ein Muskelkater oder ein blauer Fleck schmerzen können, lässt das Gefühl der Erleichterung danach viele Menschen auf diese uralte Methode schwören. Ob chronische Verspannungen vom langen Sitzen am Schreibtisch oder einfach der Wunsch nach einer tiefen Gewebeentlastung, manchmal braucht es eben ein wenig Unterdruck, um den Alltagsknoten im Rücken zu lösen.


Quellenangaben

Sound: Aleksandr Karabanov, Viacheslav Starostin