Viel Schein und die verpassten Möglichkeiten des Seins

Dass die Titanic bis heute tief in unserem kollektiven Gedächtnis verankert ist, verdankt sie vor allem James Cameron und seinem Filmmeisterwerk von 1997. Der Film lebte von der emotionalen Wucht der Liebesgeschichte zwischen Rose DeWitt Bukater und Jack Dawson. Sie waren die menschliche Klammer, die eine historische Tragödie greifbar, nahbar und unvergesslich machte. Denn wenn wir ehrlich sind: Wer würde sich rein nüchtern betrachtet schon für den Untergang eines Passagierschiffs interessieren, dessen Schicksal letztlich auf einer Kette fataler Managementfehler, Selbstüberschätzung und menschlicher Nachlässigkeit beruhte? Genau diese emotionale Klammer fehlt der Ausstellung „Titanic – Eine immersive Reise“ im Dresdner Erlwein Forum leider völlig.

Dabei beginnt der Rundgang durchaus passabel. Recht klassisch museal, mit Einblicken in die gigantische Konstruktion des Schiffes, technischen Hintergründen und Rekonstruktionen der einzelnen Passagierklassen. Man blickt auf Ausstellungsstücke und Bilder, arbeitet sich durch die Etappen, bevor es zum ersten, kurzen „immersiven Moment“ kommt, dem Auftritt des Eisbergs. Anschließend begleiten weitere Objekte den Untergang. Das eigentliche Herzstück soll der große immersive Raum am Ende sein, in dem der Zusammenstoß und die dramatischen Funksprüche zwischen den Schiffen visuell und akustisch aufbereitet werden.

Doch beim Verlassen der Halle beschlich mich mal wieder das Gefühl, dass wir in einer Epoche leben, in der die Verpackung schillernder verkauft wird als der Inhalt selbst. Viel Schein, erschreckend wenig Sein. Ganz ähnlich wie die Pomp-Fassade an Bord im Jahr 1912.

Wo heute groß „Immersiv“ draufsteht, erwartet man ein echtes Eintauchen, also ein Erlebnis, das einen packt. Stattdessen fühlte sich vieles seltsam halbherzig an. Die Szene der Kollision ist ein perfektes Beispiel für verpasste Chancen: In der Ausstellung steht ein recht klein nachgebauter Schiffsbug, auf den eine Projektion des heranrollenden Eisbergs trifft. Selbst beim Boden hat man sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn mit zu animieren. Von echter Immersion keine Spur.

Was hätte man hier nicht alles inszenieren können! Wie gewaltig wäre eine bewegliche Plattform gewesen, auf der die Besucher stehen oder sitzen, während sich der Boden spürbar neigt und das Beben des Zusammenstoßes physisch erfahrbar macht? Statt kreativer Erlebnismechanik gibt es Schauwerte auf Sparflamme. Gekrönt wird dieses Phlegma dadurch, dass man an manchen Stellen nicht einmal die Mühe investiert hat, englische Beschriftungen ordentlich ins Deutsche zu übersetzen.

Am Ende bleibt nach dem Gang durch das Erlwein Forum ein zwiespältiger Eindruck. Die Ausstellung zeigt zwar viel Material, vergisst aber das Herz. Wenn die Immersion nur aus flachen Wandprojektionen besteht und das Menschliche fehlt, bleibt vom großen Mythos Titanic eben doch nur eines übrig: viel kühle Hülle und wenig Substanz.


Quellenangaben

Sound: Aleksandr Karabanov, catch22music, TokyoRifft