Schlingrippengewölbe und Kupferstich

Wow! Ich bin begeistert! Wenn ich das über Architektur sage, dann bedeutet das auch etwas. Als Dresdner bin ich nämlich verwöhnt: Bei uns im Elbflorenz gibt es viele interessante Bauwerke. Jetzt ist sogar noch ein Meisterwerk dazugekommen.

Der erste Hingucker auf unserer heutigen Besichtigungstour war der Große Schlosshof des Dresdner Residenzschlosses. Er gilt als einer der bedeutendsten Renaissancehöfe Deutschlands und besticht vor allem durch seine opulente Fassadengestaltung. Die Wände sind mit aufwendigen Sgraffiti überzogen, einer historischen Kratzputztechnik, bei der verschiedene Putzschichten übereinander aufgetragen und dann kunstvoll abgekratzt werden, um Motive aus der antiken Mythologie und der Bibel freizulegen.

Der Hof wird derzeit noch renoviert und soll im Jahr 2027 wieder vollständig erlebbar sein. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass wir aktuell noch Baugerüste sehen, denn die ersten nach der Wende durchgeführten Restaurierungsarbeiten müssen aufgrund der Witterung bereits wieder aufgefrischt werden. Ein Schloss scheint eine Daueraufgabe zu sein.

Schöne Pforte

Vom Hof aus betraten wir die wiedereröffnete Kapelle im Nordflügel durch die sogenannte „Schöne Pforte“, ein wahres Meisterwerk der Renaissance. Dieses Portal ist reich mit aufwendigen Schnitzereien verziert, wobei besonders ein Relief ins Auge sticht. Es stammt aus dem Johannesevangelium und zeigt Jesus mit der Ehebrecherin – genau jene Szene, in der der berühmte Satz fällt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Hinter dieser Tür atmet der Raum Geschichte: Er wurde im 16. Jahrhundert unter Kurfürst Moritz errichtet und war einer der ersten protestantischen Sakralbauten überhaupt. Später wirkte sogar der berühmte Komponist Heinrich Schütz in ihm. Doch das eigentliche architektonische Wunderwerk befindet sich über unseren Köpfen. Der von mir gewählte Begriff „Schlingenstich” ist dabei ein kleines Wortspiel und bezieht sich auf die faszinierende Schlingenrippen-Gewölbebauweise des spätgotischen Gewölbes in der Schlosskapelle.

Schlingenstich

Diese hochkomplizierte historische Bauweise, bei der die Rippen wie Seile ineinander verschlungen scheinen und den Raum scheinbar schwerelos überspannen, geriet für über 400 Jahre in Vergessenheit. Die Handwerkskunst war so komplex, dass sie schlichtweg verloren ging. Für die Rekonstruktion nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg musste dieses Wissen mithilfe alter Kupferstiche und historischer Dokumente mühsam wiederbelebt werden – sie waren die einzigen Bauanleitungen. Die gelungene Rekonstruktion ist heute weltweit einzigartig, da es kaum vergleichbare Gewölbe dieser Art gibt.

Dass wir heute wieder in diesen Räumen stehen können, grenzt an ein Wunder. Das Schloss wurde 1945 schwer zerstört, doch dank seiner extrem dicken Mauern ist es nicht vollständig pulverisiert worden, sondern lediglich bis zur Höhe des ersten Stocks in sich zusammengefallen. Das war ein Glücksfall, denn dadurch sind viele der unteren Gewölbe noch heute Originalsubstanz.

Wiederaufbau

Auch in der Kapelle waren deshalb die exakten Maße noch ablesbar, was eine präzise Rekonstruktion erst ermöglichte. Nicht zu vergessen sind auch die ersten Sicherungsarbeiten, die kurz nach Kriegsende durchgeführt wurden, um die Ruine und die verbliebene Bausubstanz zu retten. Der eigentliche, systematische Wiederaufbau begann jedoch erst viel später, nämlich 1986 – fast symbolisch genau ein Jahr, nachdem die benachbarte Semperoper fertiggestellt worden war.

Mit seinem vollständigen Vier-Seiten-Bauwerk ist das Dresdner Stadtschloss in der deutschen Residenzlandschaft eine recht einzigartige Erscheinung. Mit der Rückkehr der Kapelle und der baldigen Vollendung des Schlosshofs schließt sich eine Lücke und das Schloss wird wieder zu dem, was es einst war: das Zentrum der Macht und vor allem der Kunst in Sachsen.