Der Grundstein für Hochdeutsch und die Sächsische Kanzleisprache

Es ist ein wiederkehrendes Phänomen in der deutschen Sprachlandschaft: Kaum öffnet jemand im Fernsehen oder auf der Bühne den Mund und lässt vernehmbar ein sächsisches Einfärben der Vokale durchklingen, geht ein Schmunzeln – oder Schlimmeres – durch die Nation. Die Antipathie gegen das Sächsische hat eine lange Tradition, belächelt als weich,gemütlich oder schlicht nicht proper. Doch genau gegen dieses verstaubte Klischee setzt die Ilse-Bähnert-Stiftung rund um Kabarettist Tom Pauls seit Jahren ein Zeichen. Mit der jährlichen Kürung des „Sächsischen Wortes des Jahres“ feiert sie nicht nur den Nuancenreichtum unserer Mundart, sondern schärft auch das Bewusstsein für die Kulturgeschichte eines Dialekts, der viel mehr Würde verdient, als ihm der bundesweite Geck zugestehen will.

Hochsächsisch: Warum eigentlich alle Sachsen-Deutsch sprechen

Was nämlich die meisten Sprachkritiker jenseits unserer Landesgrenzen gerne vergessen – oder schlicht nie gelernt haben: Wer heute meint, ein glasklares, lupenreines Hochdeutsch zu sprechen, greift im Grunde auf eine sächsische Erfindung zurück. Vor allem jene Zeitgenossen, die unterhalb des Weißwurstäquators zu Hause sind und sich im alltäglichen Miteinander in einem eher unwirklichen Gemauschel aus Kehl- und Rolllauten verheddern, sollten einmal kurz innehalten. Wenn sie nach der Schriftnorm sprechen oder schreiben, bedienen sie sich genau genommen einer Sprachform, deren Fundament im Herzen Sachsens gegossen wurde.

Der Grund dafür liegt im 15. und 16. Jahrhundert verborgen. Damals gab es kein einheitliches Deutsch, sondern ein wildes Wirrwarr regionaler Mundarten. In den Verwaltungsstuben der wettinischen Fürsten entwickelte sich jedoch die sogenannte Sächsische (oder Meißner) Kanzleisprache. Sie fungierte als geschickte Ausgleichssprache zwischen den niederdeutschen Dialekten des Nordens und den oberdeutschen Varianten des Südens. Als Martin Luther seine gewaltige Herkulesaufgabe anging, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen, griff er ganz bewusst auf diese sächsische Kanzleisprache zurück, um von möglichst allen verstanden zu werden. Was wir heute als grammatikalisches und lexikalisches Hochdeutsch kennen, ist also im Kern Hochsächsisch. Daran ändert auch die spätere norddeutsche Lautnormierung nichts mehr.

Das Sächsische Wort des Jahres 2026

In diesem Jahr hat die Jury der Ilse-Bähnert-Stiftung aus mehr als 2.000 Eingaben wieder ein echtes Schmuckstück herausgefiltert: Das Sächsische Wort des Jahres 2026 lautet „gaubln“!

Wer dem Sächsischen mächtig ist, weiß natürlich sofort, was gemeint ist: Es geht ums Tauschen, Feilschen, Klauben oder Verhandeln. Meist mit einem Augenzwinkern und dem Ziel, am Ende nicht ganz ohne Gewinn dazustehen. Allerdings muss ich ehrlich zugeben: In meinem eigenen Sprachgebrauch ist das bloße Verb fast ein wenig zu steril. Wenn ich im Alltag etwas hin- und hertausche oder mich durch kleine Handelsgeschäfte manövriere, würde ich persönlich immer eher zu „rumgaubeln“ greifen. Es bringt einfach diese typisch sächsische Gemütlichkeit und das leicht Unverbindliche noch ein Stück treffender auf den Punkt.


Quellenangaben

Grafik: Designhotel Laurichhof, Google Gemini
Sound: Aleksandr Karabanov, Nikita Kondrashev