Ein neues Studio, ein großer Design-Umbruch und ein halbgares Ergebnis


Heutzutage gibt es nicht mehr viele Gründe, den Fernseher zu einer bestimmten Uhrzeit einzuschalten. Wir leben in einer Welt des On-Demand-Contents, in der wir Filme, Serien und Dokumentationen genau dann konsumieren, wenn es uns passt. Doch es gibt eine Ausnahme: die Nachrichten. Für mich sind sie eine Art letzte Bastion des linearen Fernsehens und nach wie vor unverzichtbar. Wenn in der Welt etwas passiert oder wenn ich mich schnell und kompakt über die aktuelle Lage informieren möchte, ist ntv für mich die erste Adresse. Es ist tatsächlich der einzige Sender, den ich noch zu großen Teilen wirklich live sehe. Diese Verlässlichkeit, die n-tv über Jahre hinweg ausgestrahlt hat, ist ein fester Bestandteil meines Medienalltags. Umso gespannter war ich, als angekündigt wurde, dass der Sender ein komplett neues Studio erhält. angekündigt wurde kann die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen, maßgeblich verbessern. Doch nach den ersten Wochen im neuen Look muss ich leider sagen: Meine Begeisterung hält sich sehr in Grenzen.

Mein größtes Problem mit dem neuen Erscheinungsbild lässt sich auf eine einzige Farbe reduzieren. Rot. Natürlich ist Rot die Markenfarbe von ntv, das war schon immer so, und das ist auch völlig legitim, um die Wiedererkennbarkeit zu gewährleisten. Was man uns aber seit dem Umbau präsentiert, ist eine optische Überdosis. Das Studio wirkt auf mich nicht mehr modern oder einladend, sondern einfach nur noch rot. Es ist, als hätte man einen Eimer Farbe über den gesamten Bildschirm geschüttet. Durch diese Dominanz geht die Tiefe des Raumes völlig verloren. Anstatt eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, in der die Inhalte im Vordergrund stehen, schreit einen das Design geradezu an. Man fühlt sich permanent in einem Alarmzustand, selbst wenn gerade eher ruhige Themen behandelt werden.

Es ist nicht nur die Farbe, die mich stört, sondern auch die Aufteilung des Raumes: ntv hat jetzt ein echtes Real-Set mit gewaltiger Fläche zur Verfügung. Doch was passiert in der Realität? Wenn ich die Nachrichten einschalte, habe ich das Gefühl, dass die Moderatoren in eine Ecke gedrängt wurden. Anstatt die Weite des Studios zu nutzen, um eine offene und moderne Informationslandschaft zu schaffen, wirkt der Bereich für die Nachrichtensprecher seltsam gedrängt. Ich hatte gehofft, dass sich ntv ein Beispiel an der Muttermarke RTL nimmt. Dort sieht man, wie man ein Studio dynamisch nutzt. Es gibt diese „Spaziergänge“, bei denen die Moderatoren durch das Set laufen und dadurch komplexe Zusammenhänge viel anschaulicher erklären. Das schafft eine Verbindung zum Zuschauer. Bei n-tv hingegen bleibt der Moderator trotz des neuen Studios nach wie vor statisch in seiner Ecke stehen. Das Potenzial für eine moderne Bildsprache wird hier komplett verschenkt. Besonders unangenehm sind die Übergaben zum Sport oder zur Wirtschaft: Die Regie schaltet in eine riesige Totalansicht und man sieht die Leere des Raumes, aber es gibt nichts Verbindendes. Die Personen stehen verloren herum, anstatt das Studio als lebendigen Ort der Information zu nutzen.

Am meisten irritiert mich jedoch die Tatsache, dass ntv als Gesamtsender momentan hinten und vorne nicht mehr zusammenpasst. Wir erleben ein wahres Branding-Chaos, das den Namen „Konzept“ kaum verdient. Hinter dem neuen Design steht eigentlich die Strategie „RTL United“. Das ist der Versuch der Sendergruppe, alle Marken optisch zu vereinheitlichen. Herzstück ist die neue, serifenlose Schriftart, die jetzt überall – von den Bauchbinden bis zum Logo – zu sehen ist. Diese Schrift soll Klarheit und Modernität vermitteln, was in den Nachrichtensendungen auch durchaus gelingt. Doch sobald die Nachrichten enden, bricht das Kartenhaus zusammen.

Es wirkt fast so, als hätte man das gesamte Budget und die gesamte Energie in die Hauptnachrichten gesteckt und den Rest des Senders einfach vergessen. Während im Studio alles auf „Modernisierung“ getrimmt wird, bleiben viele andere Produktionen im alten Look stecken. Das fällt besonders beim „ntv Ausland Report“ auf. Da passt plötzlich nichts mehr zum neuen, cleanen Image. Noch deutlicher wird es bei den atmosphärischen Bildern, die oft vor den Nachrichten gezeigt werden, wie etwa das Bergpanorama oder die „Around the World“-Clips. Hier wird nach wie vor der uralte Vorspann benutzt. Es ist ein regelrechter visueller Kulturschock: Erst sieht man Grafiken aus einer anderen TV-Ära und im nächsten Moment knallt einem das hochmoderne, sterile Rot des News-Centers entgegen. Auch die Programmhinweise werden nach wie vor im alten Stil gesendet. Für mich ergibt das kein schlüssiges Gesamtkonzept. Ein Senderrebranding muss aus einem Guss sein, sonst wirkt es wie eine Baustelle, auf der die Handwerker mitten in der Arbeit nach Hause gegangen sind.

Ich frage mich, warum man die Zuschauer so im Regen stehen lässt. Wenn man den großen Schritt wagt und alles unter dem Banner von „RTL United“ vereinheitlicht, dann muss das konsequent geschehen. Derzeit fühlt es sich eher wie ein halbherziger Versuch an, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Trotz all dieser Kritikpunkte muss sich n-tv jedoch keine Sorgen machen, dass ich als Zuschauer „fremdgehe“. Ein Blick auf die Konkurrenz genügt, um zu verstehen, warum n-tv für mich trotz der Design-Mängel alternativlos bleibt. Da wäre zum Beispiel der Sender Welt, der immer mehr in Richtung AfD-Stimmungsmache abdriftet und sich oft mehr um Effekthascherei als um sachliche Einordnung zu kümmern scheint. Das ist kein Journalismus, den ich unterstützen möchte. Auf der anderen Seite steht Tagesschau24, ein Programm, das ohnehin bald an Bedeutung verlieren dürfte, da seine Abschaltung bereits beschlossene Sache ist. Hier habe ich das Gefühl, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Verantwortung für unabhängige und zeitgemäße Nachrichten im 24-Stunden-Format nicht mehr gerecht werden will. Und dann gibt es noch die diversen Info-Kanäle, auf denen man gefühlt 24 Stunden am Tag Dokumentationen über Hitler oder den Zweiten Weltkrieg sehen kann, statt über das aktuelle Weltgeschehen informiert zu werden.

So bleibt das n-tv-Design am Ende das „kleinere Übel“ – oder besser gesagt: der inhaltlich stabilste Anker in einer schwierigen Medienlandschaft. Ich werde also weiterhin zuschauen, mich über die Nachrichtenlage informieren und wahrscheinlich auch weiterhin über das erschlagende Rot und die statischen Moderatoren in ihrer Ecke fluchen. Es ist ein bisschen wie bei einer alten Freundschaft: Man kennt die Macken des anderen, ärgert sich darüber, aber am Ende weiß man trotzdem, was man aneinander hat. Ich hoffe inständig, dass das Team in Köln noch einmal den Mut findet, das Studio wirklich „begehbar“ zu machen und die grafischen Brüche im Programm zu kitten. Ein bisschen weniger Alarmrot und ein bisschen mehr konsequentes Design würden dem Sender gut zu Gesicht stehen.