Collien Fernandes, Christian Ulmen und die unbequeme Pflicht, bei Frauenverachtung einzuschreiten

Es gibt Momente in der Medienlandschaft, die uns innehalten lassen, weil sie weit über bloßen Klatsch hinausgehen. Aktuell stehen Collien Fernandes und Christian Ulmen im Zentrum einer öffentlichen Debatte, die durch Vorwürfe sexualisierter Gewalt ins Rollen kam. Es geht um Schilderungen von Vorfällen, die juristisch und gesellschaftlich aufgearbeitet werden müssen und die die Frage aufwerfen, wie innerhalb einer langjährigen Beziehung mit Grenzen und Konsens umgegangen wird. Diese Einleitung soll keine Vorverurteilung sein, sondern den Rahmen für eine Diskussion stecken, die uns alle betrifft.

Was geht mich das eigentlich an?

Man könnte nun schnell abwinken und sagen: „Was geht mich das eigentlich an?“ Schließlich bin ich nicht so. Ich respektiere Grenzen, achte mein Gegenüber und würde niemals in eine Situation geraten, in der solche Vorwürfe gegen mich im Raum stünden. Es ist leicht, sich in die Rolle des unbeteiligten Beobachters zu flüchten, weil das eigene Wertesystem stabil ist. Doch genau hier liegt der Trugschluss. Es geht nicht nur um das individuelle Verhalten im stillen Kämmerlein, sondern um die Atmosphäre, in der wir uns alle bewegen.

Obwohl wir in einer ach so modernen westlichen Gesellschaft leben, existiert noch immer eine unsichtbare, aber mächtige Gesellschaftsordnung, die Frauen beharrlich in bestimmte Klischees presst. Wir rühmen uns unserer Aufgeklärtheit, doch unter der Oberfläche brodeln alte Denkmuster weiter. Diese führen dazu, dass Frauen in der Öffentlichkeit oft anders bewertet werden als Männer. Besonders dann, wenn sie den Mut aufbringen, Unrecht zu benennen. Der Fall Fernandes illustriert das auf schmerzhafte Weise. Wer eine Straftat zur Anzeige bringt oder öffentlich über Missstände spricht, wird oft zum zweiten Mal zum Opfer. Diesmal jedoch nicht durch die Tat selbst, sondern durch eine Welle aus Häme, Spott und systematischer Herabsetzung.

Warum der Fokus auf Frauenrechte?

Es klingt zunächst logisch, zu sagen, man müsse sich einfach generell für „Menschen“ einsetzen. Warum diese Unterscheidung? Warum der Fokus auf Frauenrechte? Die Antwort liegt in der unterschiedlichen Reaktion. Hätte sich ein Mann in einer vergleichbaren Machtposition dazu entschlossen, diesen schweren Schritt an die Öffentlichkeit oder vor Gericht zu wagen, würden wir vermutlich von seinem beispiellosen Mut und seiner Geradlinigkeit sprechen. Er wäre ein Held, der das Schweigen bricht. Bei einer Frau hingegen kippt die Stimmung oft ins Misstrauen. Es wird nach Motiven gesucht, der Charakter wird seziert und ihre Glaubwürdigkeit durch herabsetzende Witze untergraben.

Das ist die Aufforderung an mich und uns alle, einzuschreiten. Es reicht nicht aus, privat „ein guter Mensch“ zu sein. Wir müssen dort aktiv werden, wo die Abwertung beginnt. Also schon beim „harmlosen“ Witz in der Kneipe oder dem hämischen Kommentar in den sozialen Medien. Solange Frauen für dieselben Handlungen anders bewertet werden als Männer, ist das Spielfeld nicht eben. Wir müssen uns speziell für die Rechte und die Wahrnehmung von Frauen einsetzen. Nicht, um sie zu bevorzugen, sondern um überhaupt erst einmal ein einheitliches „Level“ zu erreichen. Erst wenn die Häme verschwindet und eine sachliche Prüfung an ihre Stelle tritt, haben wir echte Gleichberechtigung erreicht.

Der Fall Collien Fernandes macht deutlich, wie tief die Gräben noch sind. Er zeigt, dass eine Anzeige nicht das Ende eines Leidenswegs ist, sondern oft der Beginn einer neuen gesellschaftlichen Bestrafung. Wenn wir also das nächste Mal Zeuge herabsetzender Bemerkungen werden, sollten wir uns nicht damit herausreden, dass wir „selbst ja nicht so sind“. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und solange Klischees und Doppelmoral das Handeln bestimmen, haben wir noch verdammt viel zu tun.