Die AfD und der Erfolg der selbst gewählten Opferrolle

Heute richtet sich der Blick nach Gießen, wo die AfD eine neue Jugendorganisation gründet. Dies ist ein strategischer Schachzug, der dem Parteivorstand um Alice Weidel vor allem mehr direkten Zugriff sichern soll. Doch neben den internen Machtverschiebungen wird bei dieser Veranstaltung mit Sicherheit wieder ein altbekanntes Instrument bespielt: der gepflegte Mythos der Opferrolle.

Ein Blick auf die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr zeigt, wie diese Mechanik funktioniert. Dabei wird Kritik von Medien, politischen Gegnern oder Experten nicht inhaltlich widerlegt, sondern pauschal als „Angriff“ umgedeutet. Das erfüllt gleich mehrere Zwecke: Einerseits wird die Partei gegen Sachargumente immunisiert, da jeder Widerspruch paradoxerweise als Bestätigung verkauft wird. Gleichzeitig schweißt dieser künstliche Opferstatus die Anhängerschaft zusammen („Wir gegen die“) und erzeugt durch Polarisierung genau die Aufmerksamkeit, von der populistische Strömungen leben.

Das Prinzip, einen „gemeinsamen Feind“ zu konstruieren, um interne Geschlossenheit zu erreichen, ist historisch und soziologisch betrachtet zwar effektiv, aber brandgefährlich. Während demokratische Parteien im Idealfall über den Wettbewerb der besten Ideen und Lösungen zueinander finden, ersetzt hier die Abgrenzung und Feindbildpflege die inhaltliche Arbeit. Wer Politik primär über die eigene Opfererzählung betreibt, verweigert sich dem konstruktiven Diskurs, den eine Demokratie dringend benötigt.

Das böse Erwachen würde jedoch spätestens am Tag einer tatsächlichen Machtübernahme folgen. Denn sobald aus lauten Parolen konkretes Regierungshandeln werden muss, platzt die Blase der einfachen Antworten angesichts der komplexen Realität. Einen Vorgeschmack darauf lieferte der erste AfD-Landrat in Sonneberg: Statt der versprochenen Wunder stieß er schnell auf die harten Grenzen der Realpolitik und der kommunalen Haushaltszwänge. Wahlversprechen mussten kassiert werden.

Wenn statt ewiger Slogans echte Lösungen gefragt sind, entzaubert sich der Populismus oft rasend schnell selbst – eine bittere Erkenntnis, die den Wählern blühen würde.


Quellenangabe

In der Soziologie ist das Phänomen, den inneren Zusammenhalt einer Gruppe primär durch die Abgrenzung gegen einen äußeren Gegner zu festigen, als „negative Integration“ bekannt. Es greift auf das vom Staatsrechtler Carl Schmitt definierte „Freund-Feind-Schema“ zurück und wird durch die sozialpsychologische Forschung bestätigt. Ein konstruiertes Feindbild stabilisiert das eigene Wir-Gefühl und lenkt effektiv von inneren Widersprüchen ab – eine Basisstrategie populistischer Bewegungen.

Das Teaser-Bild wurde mit Hilfe von Google Gemini erstellt.