Die Meisterinszenierer von Magdeburg und das verschwiegene ganze Bild

Es ist eine Strategie, die inzwischen mit mathematischer Präzision funktioniert: Man provoziert, bricht gesellschaftliche Konsense, relativiert Unrecht, und sobald die demokratische Zivilgesellschaft oder die freie Wirtschaft Konsequenzen zieht, schlüpft man augenblicklich in das maßgeschneiderte Gewand des Verfolgten. Die AfD hat die politische Opferrolle nicht nur perfektioniert, sie hat sie in Magdeburg zu ihrer Meisterdisziplin erhoben.

Gleich zwei Ereignisse aus dieser Woche führen dieses Schauspiel lehrbuchhaft vor Augen, denn in beiden Fällen wird nach bewährtem Muster nur die Hälfte der Geschichte erzählt, um das Narrativ der armen, benachteiligten Partei zu füttern.

Wenn Provokation als Gedenken getarnt wird

So wollte beispielsweise am Jahrestag des antisemitischen Anschlags von Halle der neugewählte stellvertretende Landtagspräsident Hans-Thomas Tillschneider an der Gedenkveranstaltung vor der Synagoge teilnehmen, woraufhin ihm jüdische Studierende den Zutritt versperrten. Das AfD-Echo ließ nicht lange auf sich warten und prangerte lautstark an, dass ein gewählter Repräsentant des Landtags ausgegrenzt und der Volkswille missachtet werde. Was diese Erzählung jedoch komplett verschweigt: Wer Respekt einfordert, muss ihn zuerst vorleben.

Tillschneider selbst hat die rassistischen Anschläge in der Vergangenheit relativiert, indem er die Tat eines rechtsextremen Gewalttäters als das Werk eines bloß verwirrten Mannes abtat. Wer kontinuierlich den Nährboden für Antisemitismus und Hetze bereitet und Dinge anders sieht, als er sie an solchen Tagen vorgibt zu achten, kann nicht erwarten, am Ort des Traumas als Schein-Gedenkender willkommen zu sein. Es war kein Ausschluss aus Machtwillkür, sondern eine notwendige Grenzziehung der Zivilgesellschaft gegen Zynismus und Heuchelei.

Unternehmertum bedeutet Haltung: Der Fall BMW

Ein ähnliches Bild zeigte sich, als die BMW Group ihr Leasingangebot an den Landtag in Sachsen-Anhalt zurückzog. Auch hier schallte der Aufschrei aus den Reihen der Partei umgehend durch die Netzwerke, man sprach von Diskriminierung und der Verächtlichmachung staatlicher Institutionen. Doch auch in dieser Opfer-Erzählung geht die entscheidende Begründung des Konzerns völlig unter.

Wirtschaft braucht Weltoffenheit, internationale Vernetzung und Toleranz. Genau diese Werte stehen im direkten Widerspruch zum Programm der AfD, das explizit vor kulturfremden Menschen warnt und den Wirtschaftsstandort durch Isolation gefährdet. Wenn ein Unternehmen entscheidet, dass seine Marke nicht als Kulisse für eine solche Politik herhalten soll, ist das kein politischer Übergriff, sondern schlicht die konsequente Ausübung von Unternehmerfreiheit.

Warum die Medien das ganze Bild abbilden müssen

Das eigentliche Problem reicht jedoch über die reinen Inszenierungen der Partei hinaus, denn es stellt sich die drängende Frage, warum auch die Medien immer wieder so geschickt in dieses Spiel involviert werden und mitwirken. In der Hektik der täglichen Berichterstattung wird die lautstarke Empörung oft unkritisch übernommen, während die entscheidenden inhaltlichen Hintergründe und Begründungen selten gleich mitgeliefert oder hinterfragt werden.

Indem Journalisten die Behauptungen der Partei vorrangig als reine Verfolgung abbilden, ohne den Kontext und das eigene Fehlverhalten der Akteure sofort offenzulegen, werden sie ungewollt zu Erfüllungsgehilfen. Sie liefern der AfD genau die Bühne, die sie braucht, um sich in ihrer Opferrolle weiter einzurichten.

Um der Öffentlichkeit das „ganze Bild“ zu zeigen, braucht es Medien, die den Dingen unaufgeregt und konsequent auf den Grund gehen. Dieser Beitrag ist daher auch ein Plädoyer für einen starken, politisch unabhängigen Rundfunk.


Quellenangaben

Grafik: Google Gemini
Sound: Aleksandr Karabanov, Monda Music