Einzug in Jerusalem, Kreuzigung und Auferstehung


Heute ist Palmsonntag. In der kommenden Woche stehen noch Gründonnerstag und Karfreitag bevor. Bevor dann nächsten Sonntag Ostern ist. Was feiern wir in den kommenden Tagen eigentlich und warum? Ein Blick ins Jahr 30 unserer Zeitrechnung.

Palmsonntag: Einzug in Jerusalem

Die Geschichte beginnt an einem Sonntag im Frühjahr, als die Stadt Jerusalem bereits von der nervösen Energie des bevorstehenden Pessach-Festes erfüllt ist. Zehntausende Pilger strömen durch die Tore und die römische Besatzungsmacht unter Pontius Pilatus ist in höchster Alarmbereitschaft, da religiöse Feste oft der Auslöser für politische Aufstände sind. Inmitten dieses Pulverfasses nähert sich Jesus von Nazareth der Stadt, die vom Ölberg aus zu sehen ist. Anstatt, wie es ein weltlicher Herrscher tun würde, auf einem stolzen Schlachtross einzuziehen, bittet er seine Jünger, ihm ein einfaches Eselfüllen zu bringen. Mit dieser bewussten Entscheidung greift er eine uralte Prophezeiung auf und signalisiert Demut statt militärischer Macht. Die Menschenmenge jedoch, die nach Befreiung von der römischen Last dürstet, empfängt ihn wie einen König. Sie breiten ihre Kleider auf dem staubigen Boden aus und schneiden Zweige von den Bäumen, um ihm einen Teppich zu bereiten. Sie rufen „Hosanna“ und schwenken Palmwedel, die im antiken Orient als Symbole des Sieges und der Unabhängigkeit galten. Genau hierher führt die Herkunft des Namens „Palmsonntag“, denn die Palmen stehen für die triumphale, wenn auch missverstandene Begrüßung des Mannes, den viele für den kommenden Messias halten.

Nach diesem Auftakt folgen Tage der Eskalation und theologischer Auseinandersetzungen. Jesus hält sich tagsüber im Tempelareal, dem religiösen Zentrum Jerusalems, auf und zieht sich nachts nach Bethanien zurück. Am Montag kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall, als er die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler im Vorhof des Tempels umstößt. Er kritisiert die Verwandlung des Bethauses in eine Markthalle. Die religiöse Elite, insbesondere die Hohenpriester unter der Leitung von Kaiphas, wertet dies als direkten Angriff auf ihre Autorität und ihre Einnahmequellen. Während der Dienstag und Mittwoch von intensiven Streitgesprächen zwischen Jesus und den Pharisäern sowie den Sadduzäern geprägt sind, reift im Hintergrund der Plan zu seiner Verhaftung. Es ist Judas Iskariot, einer der zwölf engsten Vertrauten Jesu, der sich bereiterklärt, ihn an einem abgelegenen Ort auszuliefern, um einen öffentlichen Aufruhr während des Festes zu vermeiden. Die Spannung in der Stadt steigt ins Unermessliche, während die Vorbereitungen für das Passahmahl laufen, mit dem die Befreiung Israels aus Ägypten gefeiert wird.

Gründonnerstag: Das letzte Abendmahl

Am Donnerstagabend begibt sich die kleine Gruppe schließlich in ein Obergemach in Jerusalem. Dieses letzte gemeinsame Mahl ist geprägt von tiefer Melancholie und rituellen Handlungen, die bis heute das Christentum definieren. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Ein Dienst, der normalerweise den niedrigsten Sklaven vorbehalten war, um ihnen ein Beispiel für dienende Liebe zu geben. Er teilt Brot und Wein und deutet diese Symbole als seinen Leib und sein Blut, die bald hingegeben werden.

Der Name „Gründonnerstag“, mit dem dieser Tag im Kirchenjahr bezeichnet wird, führt uns sprachlich weit zurück. Eine gängige Deutung leitet ihn vom mittelhochdeutschen Wort „grînan“ ab, was „weinen“ oder „klagen“ bedeutet. An diesem Tag wurden die büßenden Sünder, die „Weinenden“, nach ihrer Reinigung wieder in die Gemeinde aufgenommen. Eine andere Tradition verweist auf den Verzehr von grünem Gemüse und Kräutern, was sowohl mit den Bitterkräutern des jüdischen Passahfestes als auch mit dem Frühlingserwachen korrespondiert. Nach dem Essen bricht die Gruppe zum Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs auf. Dort, zwischen alten Olivenbäumen, durchleidet Jesus eine Phase tiefster Einsamkeit und Angst, während seine Jünger vor Erschöpfung einschlafen. Schließlich erfolgt der Verrat durch Judas, die Verhaftung durch die Tempelwache und die Verschleppung Jesu zum Haus des Hohenpriesters.

Karfreitag: Kreuzigung

In den frühen Morgenstunden des Freitags wird Jesus in einem hastig einberufenen Prozess vor den Hohen Rat gestellt. Man beschuldigt ihn der Gotteslästerung. Da die jüdische Behörde unter römischer Besatzung jedoch keine Todesurteile vollstrecken darf, wird er dem römischen Statthalter Pontius Pilatus übergeben. Es folgt ein politisches Taktieren, bei dem Jesus auch zu Herodes Antipas geschickt wird, bevor er wieder zu Pilatus zurückgebracht wird. Trotz seiner Skepsis gegenüber der Schuld Jesu gibt Pilatus schließlich dem Druck der aufgepeitschten Menge nach, die seine Freilassung ablehnt und stattdessen seinen Tod am Kreuz fordert.

So entsteht der Karfreitag, wobei sich das Präfix „Kar“ vom althochdeutschen Wort „kara“ für Klage oder Trauer ableitet. Jesus wird gegeißelt, mit einer Dornenkrone verspottet und muss sein Kreuz selbst zur Hinrichtungsstätte Golgotha, der sogenannten Schädelstätte, tragen. Dort wird er gegen Mittag zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt. Die Dunkelheit, die laut den Berichten über das Land hereinbricht, spiegelt die Verzweiflung der Anhänger wider, als Jesus um drei Uhr nachmittags stirbt. Joseph von Arimathäa sorgt schließlich für eine rasche Bestattung in einem neuen Felsengrab, bevor mit Sonnenuntergang der Sabbat beginnt und jede Arbeit ruhen muss.

Ostersonntag: Auferstehung

Der Samstag ist ein Tag der absoluten Stille und der Grabesruhe, doch mit dem ersten Licht des Sonntags wandelt sich die Erzählung radikal. Frauen aus dem Gefolge Jesu, darunter Maria Magdalena, suchen das Grab auf, um den Leichnam nach den Vorschriften zu salben, finden jedoch den schweren Verschlussstein weggewälzt und das Grab leer vor. Eine Engelserscheinung verkündet ihnen, dass Jesus nicht mehr unter den Toten weilt, sondern auferstanden ist. Der Ostersonntag markiert den Sieg über den Tod und den Beginn einer neuen Zeitrechnung für seine Anhänger.

Der Name Ostern hat dabei eine faszinierende etymologische Geschichte, die vermutlich auf das germanische Wort „Austro“ zurückgeht, was Morgenröte bedeutet. Dies ist eng verknüpft mit der Himmelsrichtung Osten, wo die Sonne aufgeht und die Dunkelheit der Nacht vertreibt – ein perfektes Symbol für die Auferstehung des „Lichts der Welt“. Es gibt auch Theorien über eine Verbindung zur angelsächsischen Frühlingsgöttin Eostrae, doch im Kern bleibt der Bezug zum Licht und zur Neugeburt der Natur im Frühling bestehen.

Judaskuss: Spuren in unserer Sprache

Diese dramatische Woche hat nicht nur den christlichen Glauben geprägt, sondern auch unsere Sprache nachhaltig verändert. Viele Redewendungen, die wir heute völlig säkular verwenden, haben ihren Ursprung in diesen Tagen des Jahres 30. Wenn wir sagen, dass jemand seine Hände in Unschuld wäscht, zitieren wir direkt die Geste von Pontius Pilatus. Dieser wollte durch das Waschen seiner Hände vor der Menge symbolisieren, dass er nicht für das Blut Jesu verantwortlich sei. Wenn wir hoffen, dass ein Kelch an uns vorübergehen möge, dann zitieren wir die Worte Jesu aus dem Garten Gethsemane, als er Gott bat, ihm das bevorstehende Leid zu ersparen. Die Bemerkung, dass der Geist zwar willig, das Fleisch aber schwach sei, stammt ebenfalls aus jener Nacht, in der die Jünger trotz ihrer guten Absichten immer wieder einschliefen.

Auch der „Judaskuss” als Metapher für einen hinterhältigen Verrat oder der sprichwörtliche „Weg vom Pontius zu Pilatus”, wenn man von einer Stelle zur nächsten geschickt wird, zeigen, wie präsent die Passion Jesu bis heute in unserem Alltag ist. Selbst die Aufforderung, sein Kreuz zu tragen, erinnert an den schweren Weg nach Golgotha und beschreibt die Akzeptanz eines schweren Schicksals. So bleibt die Karwoche nicht nur ein religiöses Ereignis, sondern auch ein tief im kollektiven Gedächtnis verankertes kulturelles Erbe.