Gottesstaat und der Preis der Freiheit

Stell dir vor, du gehst morgens zum Bäcker und merkst, dass das Geld, das du am Vorabend noch ausgegeben hast, nun nur noch die Hälfte wert ist. Genau das erleben die Menschen im Iran im Januar 2026 – in einer Dimension, die wir uns kaum vorstellen können. Der Rial ist faktisch kollabiert, die Inflation galoppiert im dreistelligen Bereich und die Verzweiflung hat eine Schwelle überschritten, ab der die Angst vor Repressionen nicht mehr wirkt.

Was wir derzeit beobachten, ist ein digitales und physisches Schlachtfeld. Das Regime hat das Internet seit Tagen fast vollständig gekappt – ein bewährtes Mittel der Mullahs, um die Welt blind zu machen, während Sicherheitskräfte in über 180 Städten gegen die eigene Bevölkerung vorgehen. Es sind nicht mehr nur junge Frauen, die für ihre Rechte kämpfen, sondern auch Händler, Studenten und Arbeiter im Ölsektor. Die Systemfrage wird nicht mehr im Geheimen gestellt, sondern laut auf den Straßen gebrüllt.

Regime Change

Inmitten dieser Gewalt stellt sich im Jahr 2026 eine Frage drängender denn je: Sollten die USA oder andere westliche Mächte militärisch eingreifen? US-Präsident Trump hat bereits verkündet, dass er Optionen für Luftschläge prüfen lässt, um die Demonstrierenden zu schützen. Er postete auf Truth Social: „Die USA stehen bereit zu helfen!“ Doch diese Hilfe ist ein zweischneidiges Schwert, das das Land in den Abgrund stürzen könnte.

Ein Argument für ein Eingreifen ist, dass ein gezielter Schlag gegen die Infrastruktur der Revolutionsgarden das Rückgrat des Unterdrückungsapparats brechen könnte. Den Menschen im Iran würde es die Chance geben, ohne Panzer vor der Haustür über ihre Zukunft zu entscheiden.

Das Argument dagegen: Die Geschichte hat uns gelehrt, dass ein „Regime Change“ von außen selten in stabilen Demokratien endet. Das Regime in Teheran wartet nur darauf, die Protestbewegung als Marionetten Washingtons zu brandmarken. Ein US-Angriff könnte Nationalstolz wecken und selbst Kritiker dazu bringen, sich hinter die Flagge zu stellen, um eine ausländische Invasion abzuwehren. Zudem droht ein Flächenbrand: Teheran hat bereits damit gedroht, im Falle eines Angriffs Israel und US-Stützpunkte in der gesamten Region anzugreifen.

Die bittere Wahrheit ist, dass ein nachhaltiger Wandel im Iran wahrscheinlich nur von innen kommen kann. Jedes Mal, wenn ausländische Mächte in der Geschichte des Irans eingegriffen haben, ob die Briten, die Russen oder die Amerikaner, hinterließ es tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis.

Die Iranerinnen und Iraner des Jahres 2026 zeigen eine Tapferkeit, die uns den Atem verschlägt. Sie kämpfen gegen eine Inflation, die ihr Leben zerstört, und gegen ein System, das ihre Träume seit fast 50 Jahren gefangen hält. Unsere Aufgabe von außen ist es vielleicht weniger, mit Bomben zu drohen, als vielmehr dafür zu sorgen, dass die Welt nicht wegsieht, dass der Internet-Blackout also nicht zur Mauer wird, hinter der das Regime seine Verbrechen ungestraft fortsetzen kann.