Friedrich der Große, Kartoffeln und die genialste Marketingaktion der Geschichte


Es ist ein sonniger Nachmittag hier in Potsdam. Der Wind raschelt leise durch die Blätter im Park von Sanssouci. Ich stehe vor einer schlichten Grabplatte im Boden. Für den Mann, der darunter seine letzte Ruhe gefunden hat, wirkt sie fast ein wenig unscheinbar. „Friedrich der Große“ steht darauf. Wer jedoch einen pompösen Prunkbau oder opulente Blumenkränze erwartet, wird überrascht. Die Steinplatte ist übersät mit etwas ganz anderem, beinah schon Skurrilem: Hier liegen Kartoffeln. Knubbelige, erdige, mal größere, mal kleinere Erdäpfel, die Besucher als stumme Symbole des Dankes hier ablegen. Es ist eine rührende Tradition, die mich unweigerlich zum Schmunzeln bringt, während ich meinen Blick über die Anlage schweifen lasse. Sie erinnert mich jedoch auch an eine der faszinierendsten und zugleich skurrilsten Erfolgsgeschichten unserer Kulturgeschichte. Denn der Weg der Kartoffel auf unsere heutigen Teller – und auf dieses Grab – war alles andere als ein Selbstläufer. Er war geprägt von Misstrauen, listigen Staatsstreichen und kulinarischen Missverständnissen.

Wenn wir heute an die deutsche Küche denken, ist die Kartoffel nicht wegzudenken. Ob als feines Püree, knusprige Bratkartoffeln, im Salat oder als schlichte Petersilienkartoffel – sie gehört zu unserer Identität wie das sprichwörtliche Brot. Doch die Knolle ist im Grunde eine Migrantin mit einer langen Reise hinter sich. Ursprünglich stammt sie aus den schwindelerregenden Höhen der südamerikanischen Anden, wo sie bereits vor Jahrtausenden von den Inkas kultiviert wurde. Sie trotzte dem rauen Bergklima und war ein verlässlicher Sattmacher. Im 16. Jahrhundert brachten schließlich spanische Seefahrer die Pflanze nach Europa. Doch der Empfang auf dem alten Kontinent war alles andere als herzlich. Die Menschen schauten die seltsamen Knollen mit tiefem Argwohn an. Schließlich stand nichts über sie in der Bibel und was der Bauer nicht kennt, das frisst er bekanntlich nicht. Schlimmer noch: Da die Kartoffel zu den Nachtschattengewächsen gehört, bauten die Menschen sie zunächst falsch an oder aßen die grünen, oberirdischen Früchte und Blätter. Die Folge waren schwere Magenverstimmungen und Vergiftungen. Schnell hatte die Pflanze den Ruf weg, giftig zu sein, mit dem Teufel im Bunde zu stehen oder gar die Pest zu verursachen. Jahrhundertelang diente sie in Europa deshalb höchstens als botanische Kuriosität in königlichen Gärten, wo man sich an den hübschen weißen und violetten Blüten erfreute, während die nahrhaften Knollen im Boden verrotteten.

Hier in Preußen kam schließlich der Mann ins Spiel, dessen Grab ich gerade besuche. Mitte des 18. Jahrhunderts sah sich Friedrich II. mit einem riesigen Problem konfrontiert. Das Land war von verheerenden Hungersnöten geplagt, die durch den Siebenjährigen Krieg und wiederholte Missernten noch verschärft wurden. Getreide war knapp und die Bevölkerung hungerte. Friedrich, ein pragmatischer Denker des Aufgeklärten Absolutismus, erkannte das enorme Potenzial der unterirdischen Knolle. Sie war anspruchslos im Anbau, wuchs auch auf kargen Sandböden, von denen es in Brandenburg wahrlich genug gab und lieferte pro Fläche deutlich mehr Energie als Getreide. Doch wie konnte man ein stures Volk von einer Pflanze überzeugen, die im Ruf stand, den Tod zu bringen? Friedrich versuchte es zunächst mit der harten Tour und erließ ab 1756 die berühmten „Kartoffelbefehle“. Er befahl seinen Beamten, den Bauern den Anbau der Knollen aufzuzwingen. Wer sich weigerte, dem drohten empfindliche Strafen. Doch der Erfolg blieb mäßig. Die Bauern wehrten sich, vergruben die Knollen teils falsch oder ignorierten die Anweisungen schlichtweg, da sie den Nutzen nicht begriffen.

Da bewies der König psychologisches Geschick und bediente sich einer List, die heute als eine der genialsten Marketingaktionen der Geschichte gilt. Er ließ in der Nähe von Berlin und hier in Potsdam eigene Kartoffelfelder anlegen. Das Besondere daran war jedoch nicht die Landwirtschaft, sondern die Inszenierung: Er ließ die Felder von schwer bewaffneten Soldaten bewachen. Tagsüber patrouillierten die Wachen mit strengem Blick um die Beete, als handele es sich um den wertvollsten Staatsschatz. Nachts jedoch gab der König den Soldaten den geheimen Befehl, wegzuschauen, ein Auge zuzudrücken oder sich schlafen zu legen. Der Plan ging voll auf. Die neugierigen Bauern beobachteten das Spektakel und dachten sich: „Was der König so streng bewachen lässt, das muss von unschätzbarem Wert sein.” Was für den Regenten gut genug ist, kann für uns nicht schlecht sein. In den dunklen Nachtstunden schlichen sie sich heimlich auf die königlichen Felder, stahlen die Knollen und pflanzten sie auf ihren eigenen Äckern an. Die Psychologie des Verbotenen hatte gesiegt und die Kartoffel trat ihren unaufhaltsamen Siegeszug durch die deutschen Lande an.

Es dauerte nicht lange, bis die Menschen erkannten, welch ein Segen die Knolle tatsächlich war. In den folgenden Jahrzehnten rettete sie Millionen Menschen vor dem Hungertod, stabilisierte die Bevölkerung und legte damit ironischerweise auch den Grundstein für den späteren wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Aus der vermeintlichen Giftpflanze wurde der „Kumpel” des kleinen Mannes und schließlich die kulinarische Basis einer ganzen Nation. Wenn ich jetzt hier stehe und auf die erdigen Knollen blicke, die auf Friedrichs Grab liegen, dann spüre ich nicht nur eine tiefe historische Ironie, sondern auch große Bewunderung. Es ist ein Denkmal der besonderen Art. Kein pompöses Gold, sondern ein ehrliches Symbol der Rettung in der Not. Die Kartoffel hat Deutschland verändert, und der „Alte Fritz“ hat mit seiner List dafür gesorgt, dass wir heute nicht mehr hungern müssen. 


Ansichtskarte Park Sanssouci