Lahme Gäule und die Müllhalde des MI5

Es gibt Serien, die schaut man entspannt nach einem langen Arbeitstag weg. Man lässt sich berieseln, verpasst zwei Dialoge und hat trotzdem nicht das Gefühl, etwas Entscheidendes versäumt zu haben. Und dann gibt es „Slow Horses – Ein Fall für Jackson Lamb“ auf Apple TV.

Wer hier auch nur für zwei Minuten das Smartphone in die Hand nimmt, hat verloren. Die britische Agentenserie geht in ihre nächste Runde und gehört aktuell zum Absolut Besten, was die Streaming-Landschaft zu bieten hat. Der Start der neuen Staffel ist der perfekte Zeitpunkt, Versäumtes nachzuholen.

Die Müllhalde des MI5: Worum es geht

Das Konzept der Serie ist herrlich abgewrackt. Normalerweise wird Geheimdienst-Content aus dem Kino als Hochglanz-Welt voller maßgeschneiderter Anzüge, High-Tech-Gadgets und unerschütterlicher Helden präsentiert. „Slow Horses“ bricht mit diesem Mythos auf brutal ehrliche und extrem unterhaltsame Weise.

Im Zentrum steht das sogenannte „Slough House“, eine trostlose Außenstelle des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 in London. Wer hier landet, hat im Dienst gewaltig Bockmist gebaut. Verpatzte Trainingseinsätze, peinliche Datenlecks oder alkoholbedingte Aussetzer machen das Slough House zum Abstellgleis für gescheiterte Spione. Feuern kann man sie zwar nicht direkt, doch sie sollen bitteschön nur noch Akten sortieren und langweilige Routineaufgaben erledigen, bis sie von selbst kündigen. Doch wie es das Schicksal will, stolpern genau diese lahmen Gäule immer wieder in reale, brandgefährliche Verschwörungen, die das Hauptquartier am liebsten unter den Teppich kehren würde.

Schmuddel-Genie trifft auf Spitzen-Besetzung

Das Herzstück der Serie ist ohne Zweifel der Cast. Allen voran brilliert der Oscar-Preisträger Gary Oldman in einer Rolle, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Er spielt Jackson Lamb, den Chef des Slough House. Lamb ist fettig, ungewaschen, zynisch, beleidigt seine Untergebenen am laufenden Band und pupst ungeniert im Sessel vor sich hin. Doch unter dieser extrem ekelhaften Fassade verbirgt sich ein brillanter, eiskalter Strippenzieher des Kalten Krieges, der seinen Schützlingen trotz aller Beleidigungen den Rücken freihält. Oldman spielt diese Figur mit einer sichtbaren Spielfreude, dass jede seiner Szenen ein absoluter Genuss ist.

An seiner Seite agiert Jack Lowden als River Cartwright, ein ambitionierter junger Agent, der durch eine Intrige im Slough House gelandet ist und verzweifelt versucht, seinen Ruf reinzuwaschen. Abgerundet wird das Ensemble durch Schauspielgrößen wie Kristin Scott Thomas als eiskalte MI5-Vizechefin Diana Taverner, die über Leichen geht, um ihre eigene Karriere zu schützen.

Action, rabenschwarzer Humor und ein echter Bond-Kandidat?

Was „Slow Horses“ so besonders macht, ist die einzigartige Tonart. Die Serie verbindet harschen, typisch britischen Humor mit echter, knallharter Spionage-Action. Die Sprüche sind trocken und bisweilen richtig fies, die Wortgefechte blitzschnell. Sobald die Action einsetzt, zieht die Serie die Daumenschrauben spürbar an. Es gibt keine unbesiegbaren Actionhelden, denn wenn hier geschossen wird, ist das dreckig, dynamisch und absolut mitreißend.

Genau diese Mischung verdankt die Serie unter anderem der großartigen Chemie zwischen den Darstellern. Es überrascht daher kaum, dass hinter den Kulissen kräftig die Gerüchteküche brodelt. Kein Geringerer als Hauptdarsteller-Legende Gary Oldman hat kürzlich öffentlich vorgeschlagen, dass sein Co-Star Jack Lowden doch der perfekte nächste James Bond wäre. Wer Lowden in der Rolle des River Cartwright durch London hetzen sieht, inklusive Charme, physischer Präsenz und einem Augenzwinkern, kann sich den Schotten extrem gut in der 007-Nachfolge vorstellen.

Kein Berieselungs-Fernsehen: Warum Mitdenken gefordert ist

Wer nach einer Serie sucht, die man entspannt im Hintergrund laufen lassen kann, findet in „Slow Horses“ definitiv die falsche Wahl. Die Handlung ist dicht gewoben, voller Finten, doppelter Böden und verdeckter Motive. Wer hier nicht aufpasst, verliert schnell den Faden im Gewirr aus politischer Ränkespielschaft, Geheimdienst-Bürokratie und persönlichen Rachefeldzügen.

Genau das macht aber auch den Reiz aus. „Slow Horses“ fordert das Publikum heraus und belohnt aufmerksame Zuschauer mit feinen Details, fantastisch geschriebenen Dialogen und Wendungen, die man nicht kommen sieht.

Ein absolut lohnender Serien-Tipp

Mit dem Start der neuen Staffel auf Apple TV geht das Chaos im Slough House in die nächste Runde. Wer herausragendes britisches Schauspiel, knochentrockenen Zynismus und echte Thriller-Spannung zu schätzen weiß, kommt an Jackson Lamb und seinen gescheiterten Agenten nicht vorbei.

Es lohnt sich, das Smartphone beiseitezulegen und tief in die wohl erfrischendste Spionage-Serie der letzten Jahre einzutauchen. Der Titel bietet beste Unterhaltung vom ersten bis zum letzten Bild. Aber heute mit der sechsten Staffel bei Apple TV.


Quellenangaben

Grafik: Apple TV
Sound: Aleksandr Karabanov, Vlad Krotov, Tunetank

PS

Auch dieser Beitrag wurde weder in Auftrag gegeben noch finanziell vergütet. – Leider.
Die hier geäußerte Begeisterung für die Serie ist vollkommen echt.