Handschrift, Beweggründe und ein Urteil im Namen des Volkes

DeepSoul.life • Dienstag, 5. Juli 2022

Heute endete am Landgericht Dresden ein Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung. Es mag zwar arg pathetisch klingen, aber ich bin froh an Verfahren als Schöffe beteiligt zu sein.

Es gibt viele Menschen, die immer nur über unsere Gesellschaft und deren Zustand meckern. Auf der Grundlage des „Gegen-Alles-Seins“ hat sich mittlerweile in der Bundesrepublik sogar eine ganze Partei etabliert. Wobei es schon spannend ist, dass dieses Prinzip auch deren interne Parteiarbeit beeinflusst. Aber dies ist ein anderes Thema.

Ich wollte lieber gestalten und so habe ich mich 2013 entschieden, als ehrenamtlicher Richter zu kandidieren. Mittlerweile bin ich in der zweiten Amtszeit dem Landgericht Dresden zugeordnet.

Betrachtern von außen mag die Rolle der Schöffen erstmal wenig bedeutsam sein, aber das täuscht. Wir sind nicht nur ein demokratisches Mäntelchen, sondern es handelt sich um echte Teilhabe an den Entscheidungen der sogenannten dritten Gewalt. Ich selbst habe schon mehrfach intensive Diskussionen zwischen allen fünf Beteiligten einer großen Strafkammer erlebt. Da gibt es eindringliches Eintreten für die eigenen Standpunkte, sowohl von Berufs- als auch Laienrichtern.

Bisher habe ich auch stets so empfunden, dass meiner Meinung Respekt entgegengebracht wurde. Ich habe tatsächlich also Einfluss und das ist demokratischer als lautes Schreien bei Spaziergängen.

Arbeit ist nicht alles. Ohne Arbeit ist aber alles nichts.

Ein Gedanke begleitet mich während meiner Schöffentätigkeit schon länger. Immer wieder erlebe ich, dass ein fehlender fester Tagesablauf Grund für „den Mist, den die Angeklagten bauen“ ist. Es muss dringend ein Weg gefunden werden, Menschen nicht nur finanziell über die Sozialleistungen abzusichern. Vielmehr muss ein Sinn fürs Leben geschaffen werden. Den früheren Ansatz „Fördern und Fordern“ finde ich hier gut. Bei Geflüchteten sollte zudem viel einfacher eine Arbeitserlaubnis erteilt werden.

Ich glaube, wenn man abends nach Hause kommt, etwas über seinen Tag erzählen kann und vielleicht auch müde ist, kommt man weniger auf dumme Gedanken. Das schiebt den Verbrechen mit Sicherheit keinen Riegel vor, aber wäre ein Anfang.

Mir ist aber auch klar, dass Jede und Jeder sich für einen Weg eines sozialen, kirchlichen oder umweltschützenden Engagements selbst entscheiden kann. Der Staat sollte hier unterstützend wirken.

Ist das nicht ein dummer Esel: Hat’s geschrieben und kann’s nicht lesen.

Und dann ist mir noch was anderes aufgefallen. Meine Handschrift wird von Jahr zu Jahr grausamer. Die Mitschriften an Verhandlungstagen sind mittlerweile die einzigen größeren Texte, die ich per Hand schreibe. Im Job oder privat tritt an Stelle von Stift und Papier ja immer mehr die Tastatur. Falls ich mal verknackt werden muss, ein Text in Schönschrift abzuliefern wäre ein hartes Urteil im „Namen des Volkes“.


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