Vorgefertigte Sprechblasen und der Wutausbruch

Art. 5 • Donnerstag, 6. Februar 2020, 23:30 Uhr

Ich empfehle „Maybrit Illner“ und notiere hier ein paar Gedanken zu den Gästen der ZDF-Talkshow (in alphabetischer Reihenfolge, jedoch Ladies first).


Die ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ mit dem Thema „Über Rechtsaußen an die Macht – Tabubruch in Thüringen“ mit Linda Teuteberg (FDP), Michael Kretschmer (CDU), Janine Wissler (Die Linke) Alexander Gauland (AfD), Dagmar Rosenfeld (Die Welt) und Robert Habeck (Bündnis ’90 – Die Grünen).

Es ist eine historische Zäsur – erstmals kommt mit Thomas Kemmerich ein Ministerpräsident mit Hilfe der AfD ins Amt. Die bislang in Thüringen regierende Linkspartei sprach von einem „Dammbruch“. SPD und Grüne reagieren schockiert, dass CDU und FDP „gemeinsame Sache“ mit der AfD machten – ausgerechnet im Freistaat Thüringen, wo der sogenannte Flügel der AfD mit ihrem Vorsitzenden Björn Höcke den Ton angibt. Heute stellt der Thüringer Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) sein Amt wieder zur Verfügung. „Der Rücktritt ist unumgänglich“, sagte der FDP-Politiker. Was bedeutet diese Entwicklung für Thüringen, für die politische Kultur im Land und für die Große Koalition im Berlin?

Quelle: ZDF


Dagmar Rosenfeld
Die Welt, Chefredakteurin

Frau Rosenfeld ist als Journalistin die einzige Nicht-Politikerin unter den Gästen. Ich finde ihre Aussagen sehr klar. Sie sagt Herrn Gauland deutlich, dass es der Anstand geboten hätte, den eigenen Kandidaten vorher zurückzuziehen und keinen Strohmann als Täuschungsmanöver vorzuschicken. Der AfD-Ehrenvorsitzende konnte auf ihre Aussagen nur wenig reagieren. Frau Rosenfeld hatte den Populisten mit sachlicher, fundierter Analyse im Griff.

Ich möchte mir an dieser Stelle keinen Wechsel von Frau Rosenfeld in die Politik wünschen, weil dann die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass auch sie in vorgefertigten Sprechblasen antworten muss.

Linda Teuteberg (FDP)
Generalsekretärin

Ich überlege noch beim Tippen dieses Textes, ob es chauvinistisch ist zu schreiben, dass Frau Teuteberg primär hübsch ist. Aber um ehrlich zu sein, viel mehr blieb bei mir von der FDP-Generalsekretärin nicht hängen. Da gab es nicht einen Satz, über den es sich lohnt, länger nachzudenken.

Für den heutigen Abend bekommt sie aber sich ein großes Lob von ihrem Chef. Tapfer hat sie versucht, Herrn Lindner zu verteidigen.

Janine Wissler (Die Linke)
stellvertretende Parteivorsitzende

Wegen Frau Wissler trägt dieser Beitrag den Titelteil „vorgefertigten Sprechblasen“. Sie muss viel geübt haben, den ihre Antworten wirkten meist spontan, aber folgten doch dem „Schema F“ und variierten nur in wenigen Worten. Als Frau Illner die Frage stellte, ob „Die Linke“ nicht auch eine Mitverantwortung für die Erfurter Wahl-Posse trägt, reagierte sie empört. Die mehrfach wiederholte Frage, warum Bodo Ramelow die Wahl trotz fehlender eigener Mehrheit erzwungen hat, ließ sie gekonnt unbeantwortet.

Vielleicht sind FDP und CDU nicht nur in die Falle der AfD getappt…

Alexander Gauland (AfD)
Vorsitzender der Bundestagsfraktion

Ursprünglich sollte dieser Beitrag den Titel: „Alter Mann und der Wutausbruch tragen“ tragen. Doch damit hätte ich Herrn Gauland mehr Platz eingeräumt, als er in der Sendung hatte und seiner Partei wird in der öffentlichen Wahrnehmung schon zu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Sein wohl ungeplanter Höhepunkt war seine Erklärung, dass er das hier nicht stehen lassen kann, „dass wir Faschisten sind. Es ist Unsinn, dass Herr Höcke ein Faschist ist“. Dabei bekam sein Blick etwas Aggressives, die Wangen verfärbten sich kämpferisch rot und die Stimme wurde laut.

Es ist eben anstrengend für das Gestrige zu kämpfen. Das muss viel Energie kosten, wenn man auf komplexe Fragen versucht, stets einfache Antworten zu geben. Herr Gauland weiß aufgrund seiner Intelligenz nämlich sicherlich, dass die AfD-Simplizität keine Zukunftsfähigkeit hat.

Robert Habeck (Bündnis ’90 – Die Grünen)
Parteivorsitzender

Für mich die Enttäuschung des Abends. Seltsam müde.

Trotzdem muss man bei ihm gut zuhören. Herr Habeck hat sich schon für die Koalitionsverhandlungen nach der nächsten Bundestagswahl in Stellung gebracht. Als Verhandlungspartner scheint er aber nicht die aktuelle Chefin der CDU zu sehen, sondern eher die Riege um Michael Kretschmer und Daniel Günther. Wenn ich richtig aufgepasst habe, wurde Annegret Kramp-Karrenbauer in der Sendung auch nur zwei- oder dreimal genannt. Da wird wohl bald eine Karriere enden.

Michael Kretschmer (CDU)
Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

Damit zur Überraschung des Abends: Herr Kretschmer reagiert staatsmännisch, zeigt Haltung, gibt Fehler zu und grenzt sich deutlich zum rechten Rand ab: „Die AfD ist in höchstem Maße reaktionär und spalterisch. Bürgerlich heißt vernünftig, solide, sachlich. Doch er höre Reden von AfD-Politikern, da werde ihm angst und bange“. Für mich als Sachsen ist dies wohltuend, besonders im Vergleich zu seinem Vorgänger, Stanislaw Tillich. Dessen Rumgemurkse hat den Erfolg der AfD in unserem Freistaat gefördert. „Ich alles dafür tun werde, dass Sie nie in Verantwortung kommen“, erklärt Kretschmer in Richtung Gauland.

Zumindest ein Demokrat scheint aus dem Tiefschlaf der letzten Jahre erwacht.

Bildrechte: ZDF, Jule Roehr

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