Ein zerstreuter Professor, missglückte Gesetzesentwürfe und die augenscheinliche Überforderung

Sonntag, 22. Mai 2022

Kaum ein anderer deutscher Politiker hat in kürzester Zeit so einen Absturz in der Gunst der Wählenden hinnehmen müssen, wie Prof. Dr. med. Dr. sc. (Harvard) Karl Wilhelm Lauterbach, SPD.

Von einer Sympathie-Welle vor weniger als zweihundert Tagen regelrecht ins Ministeramt gespült, lautet der aktuelle Twitter-Hashtag #RücktrittLauterbach.

Dass der, auf mich oft wie ein zerstreut wirkender Professor (Havard School of Public Health: Adjunct Professor of Health Policy and Management), bisher nichts wirklich auf die Reihe bekommen hat, merkt mittlerweile auch eine breite deutsche Öffentlichkeit: Herr Prof. Lauterbach wollte einen höheren Bundeszuschuss für die gesetzliche Krankenversicherung. Dann machte er sich für eine Impflicht gegen das Coronavirus stark. Was aus dieser wurde, weiß jeder und das GKV-FinStG verschwand wieder von der Berliner Bildfläche. Genauso erging es seiner Triage-Lösung für Coronakranke.

Politikerinnen anderer Parteien bezeichnen Herrn Prof. Lauterbach schon länger als eher „faul“ oder umschreiben es nett, als „wenig detailinteressiert“. Aktuell müssen die Mitarbeiter im Bundesgesundheitsministerium (BGM) ihren Chef wohl öfter suchen, weil der Herr Minister in den diversen Talkshows unterwegs ist. Im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages hat man ihn dagegen bisher deutlich seltener gesehen (16 Sitzungen, 5 Teilnahmen).

Minister mit Twitter-Account und Talkshow-Dauergast

Das BGM scheint zudem in den Ampel-Streitereien zermalmt zu werden. In den Haushaltsberatungen blockierten ‚Bündnis ’90 – Die Grünen‘ Gelder fürs Bundesgesundheitsministerium, um Herrn Prof. Lauterbach recht unverhohlen dazu zu zwingen, die Cannabis-Legalisierung weiter voranzutreiben und die FPD fordert eine Reform der Gebührenordnung der Ärzte. – Derzeit wirkt Herr Prof. Lauterbach eher wie ein Getriebener. Die Skrupellosigkeit, mit der große Teile von Grünen und FDP ihn immer wieder auflaufen lassen, beflügelt diese Dynamik noch.

Ist Herr Prof. Lauterbach überfordert? Wenn ja, wäre das tragisch. Seine Grundüberzeugung ist auf Patientenwohl und Verbesserung der Versorgungsqualität ausgerichtet. Eigentlich ist er der Richtige am richtigen Platz. Nur merkt das Gesundheitswesen, dessen Mitarbeitende und vor allem die Patienten nichts davon.

Ist Herr Prof. Lauterbach überfordert?

Ich kann das nicht beurteilen. Was mir aber aufgefallen, ist dass er durch und durch Politiker ist. Kurz nach Amtsantritt monierte er einen Mangel am Corona-Impfstoff. Schnell stellte sich diese Kritik als falsch heraus und trotzdem wurde von Herrn Prof. Lauterbach nachbestellt. Jetzt gibt es etwa 70 Millionen Dosen zu viel und zusätzliche Kosten von rund 3 Milliarden Euro.

Selbstkritik seitens des Herrn Neu-Minister wäre uns Steuerzahlenden billiger bekommen und hatte Glaubwürdigkeits-Pluspunkte gebracht. Und die hat der SPD-Mann im Moment so bitter nötig.


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Bildquelle: ntv.de

3 Kommentare

  1. Hmmm, eine Beurteilung der Person ohne Blick auf seine Historie empfinde ich als schwierig.
    Die Aussage – „Seine Grundüberzeugung ist auf Patientenwohl und Verbesserung der Versorgungsqualität ausgerichtet.“ muss mindestens angezweifelt werden, wenn sie nicht sogar ganz falsch ist. Unter BGMin Schmidt hat er maßgeblich eine Reform der Behandlungsfinanzierung mitgestaltet, deren Auswirkungen wir heute deutlich spüren. Nun, da er direkt am Hebel sitzt, Verbesserungen herbeizuführen, die wieder den Patienten und nicht die Finanzen in den Vordergrund rücken, bringt er, trotz Parteiwechsels zu den „Sozialen“, auch nicht auf den Weg.
    Würden die sogenannten „Faktenchecker“ Fall seine tweets seit Beginn 2020 auseinandernehmen, käme eine deutlich zweistellige Zahl an Fake-News dabei heraus.
    Und jetzt die konsequente, resümierende Frage – was soll man dann von solch einer Person halten.

    1. Ich glaube ja insgesamt, dass man im BMG nur scheitern kann.

      Im deutschen Gesundheitswesen gibt es so viele Einzelinteressen, und damit meine ich nicht die der Patienten, die nicht unter einen Hut zu bringen sind. Ich glaube zum Beispiel auch nicht, dass wir eine Trennung in ambulant und stationär in der bisherigen Form bräuchten und sich die Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte gegenseitig versuchen auszustechen.

      Eigentlich bräuchten wir jemanden, der eine totale Reform durchzieht, unbeeindruckt von Prügel und ohne Blick auf die eigene politische Karriere.

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